DIE ZEIT: "Die elektronischen Kommunikationstechnologien können eine wichtige Rolle in der Entwicklung eines pluralistischen Informationsflusses spielen und ein Klima erzeugen, das Demokratie und Entwicklung befördert." So heißt es in der "Erklärung von Dakar", die im Juli von Medienvertretern und Entwicklungsorganisationen aus neunzehn Staaten unterschrieben wurde. Teilen Sie diesen weitverbreiteten Optimismus?

SUBBIAH ARUNACHALAM: Ich stimme völlig mit dem Geist der Erklärung von Dakar überein. Wir brauchen das Internet nicht nur in Afrika oder Indien, sondern überall, wo Menschen leben. Aber für großen Optimismus gibt es trotzdem keinen Grund. Die Geschichte hat wiederholt gezeigt, daß eine neue Technik unvermeidlich bereits bestehende Ungleichheiten verstärkt. Nehmen wir das Beispiel der wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Dank Internet sind die gut vernetzten westlichen Wissenschaftler meist gut informiert. Aber für die meisten Wissenschaftler in den Entwicklungsländern bedeutet das Internet ein weiteres Handicap. Wenn sie keinen vernünftigen Netzzugang haben, verlieren sie den Anschluß an die wissenschaftliche Diskussion. Publikationen erhalten sie oft erst viel später als ihre westlichen Partner. Ein klarer Fall von Informationsbesitzern und Informationshabenichtsen.

ZEIT: Aber ist da nicht das Internet gerade die richtige Lösung? Sehr viele Informationen sind dort doch auch kostenlos zu bekommen, Austausch zwischen Kollegen per E-Mail sowieso.

ARUNACHALAM: Das Gerede von den gleichen Möglichkeiten geht völlig an der Realität vorbei. Versuchen Sie einmal von einem der sogar noch besser vernetzten indischen Labors aus das Internet zu nutzen, und Sie werden den enormen Unterschied zwischen der Informationsbeschaffung in der Ersten und der Dritten Welt verstehen. Es fängt doch schon damit an, daß die Telephonleitung einfach für Stunden tot ist, und das jeden Tag. Und dann gibt es noch einen ganz anderen Aspekt: Das Internet gefährdet unsere Identität.

Die elektronischen Technologien sind so gleichmachend, daß die ganze Welt bald den Westen nachäffen wird. Westliche Musik wird von Indiens Jugend schon heute mehr gehört als unsere Klassik. Mahatma Gandhi hat gesagt, daß wir die Fenster offenlassen sollen, damit wir erfahren, was anderswo geschieht. Aber wir sollten uns dabei nicht entwurzeln lassen.

ZEIT: Widersprechen Sie sich da nicht? Wie kann eine Technik, die kaum zugänglich ist, die kulturellen Werte Ihrer Gesellschaft verändern?

ARUNACHALAM: Ich bin ja nicht gegen das Internet. Ich möchte gerne, daß die Entwicklungsländer die Vorteile dieser Technik genießen - aber ohne dabei die guten Dinge ihres Lebens aufzugeben. Es stimmt: Noch spielt das Internet in Indien keine große Rolle. Aber Computer und Telephongebühren werden immer billiger, und im Vergleich zu anderen Technologien wird sich die elektronische Kommunikation viel schneller verbreiten. Dann werden wir eine Technik haben, deren Teile fast ausschließlich anderswo entwickelt wurden und die sehr wenig von unserer Kultur enthält. Nehmen wir eine indische Mittelschichtsfamilie. Sie arbeitet hart und verzichtet auf allerlei Genuß, damit sie einen Computer anschaffen kann, der den Kindern einmal zu einer besseren Zukunft verhelfen soll. Die Kinder schieben dann das Encarta-Lexikon in das CD-ROM-Laufwerk - doch dort erfahren sie fast nichts über Ramayana, Gita, Mahabharata, Mahatma Gandhi oder die Freiheitsbewegung. Bald werden die Kinder mehr über westliche Kultur wissen als über ihre eigene. Geliehene Geräte transportieren oft geliehenes Wissen. Wer heute in Indien einen Multimedia-Computer kauft, bekommt eine Menge Gratisprogramme dazu - kein einziges mit indischen Inhalten.