Wenn Ingeborg Schäuble in Pjöngjang ein ums andere Mal betonte: "Wir sind keine Politiker", dann nickten die Nordkoreaner und schauten sie verständnislos an. Sie konnten sich keinen Reim darauf machen, daß die Frau des CDU/CSU-Fraktionschefs als Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe eine Nichtregierungsorganisation (NGO) vertritt. Ein Hilfswerk, das auch Gelder der Regierung verteilt, dieser aber nicht gehorchen muß - so etwas finden sie dubios.

Der Not gehorchend, haben sie sich entschlossen, auch NGOs ins Land zu lassen. Die Welthungerhilfe hat vor vier Monaten ihr Quartier in der bulgarischen Botschaft aufgeschlagen. Von dort aus organisiert ihr tatendurstiger Vertreter, Hubertus Rüffer, die Verteilung von Lebensmitteln an unterernährte Kinder in der Provinz Hwanghae Süd.

Eine Woche lang ist nun eine Delegation durch das Land gereist. Ihr Resümee: Auch wenn die schlimmste Not durch schnelle und massive Nahrungslieferungen überwunden werden konnte, muß die Unterstützung weitergehen. Denn es mangelt an allem: Medikamenten, warmer Kleidung, Heizmaterial, Treibstoff, Saatgut.

Zöge man sich jetzt zurück, drohte rasch eine neue Katastrophe.

Die Welthungerhilfe will sich langfristig in Nordkorea engagieren, dazu beitragen, daß sich das Land in Zukunft selbst ernähren kann. Wenn die Nordkoreaner nebenbei durch die Arbeit der NGOs ein wenig Nachhilfeunterricht in politischem Pluralismus erhalten, soll es den Bonnern recht sein.

Nirgendwo arbeiten sie unter komplizierteren Bedingungen. Denn der Staatsapparat ist es gewohnt, das gesellschaftliche Leben total zu kontrollieren. Das wuselige Treiben der NGOs ist den Funktionären nicht geheuer.

"Wir sind die Herren dieses Landes, also wollen wir auch der Rolle des Herrn gerecht werden", bekam Ingeborg Schäuble beim Gespräch mit der Partnerorganisation in Pjöngjang zu hören. Sie nahm's mit einem Lächeln. Es war frischer Schnee gefallen, der Himmel wölbte sich blau. Genau der richtige Tag, um vor dem Großen Studienhaus des Volkes schnell ein paar Schneebälle zu werfen.