DIE ZEIT: Herr Heitmeyer, der Verteidigungsminister will die rechtsradikalen Vorfälle aufklären lassen. Sie plädieren für eine weitergehende Untersuchung der gesamten Bundeswehr. Warum?

WILHELM HEITMEYER: Weil das längst überfällig ist. Gerade die zwei Institutionen, die legal mit Gewalt arbeiten, Polizei und Bundeswehr, haben auf fremdenfeindliche und rechtsextremistische Vorkommnisse in der Vergangenheit immer mit dem gleichen Reflex reagiert: Skandalisierung nach außen und Tabuisierung nach innen. Auch die jüngsten Fälle bei der Bundeswehr werden von der Führung offen als Skandal bezeichnet. Dennoch verbieten die gleichen Leute weiterreichende Analysen. Das ist fatal, denn nur mit einer empirischen Durchleuchtung ließen sich Ausmaße und Ursachen rechtsextremistischer Orientierungen und Verhaltensweisen erkennen. Die demokratische Gesellschaft muß wissen, was in Institutionen vorgeht, die mit dem Gewaltmonopol ausgestattet sind. Dies vor allem deshalb, weil man davon ausgehen muß, daß die Ursachen des Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft liegen und nicht an ihren Rändern.

ZEIT: Als Zivilist sind Sie mit den Strukturen einer Armee nicht vertraut.

Können Außenstehende eine angemessene Untersuchung durchführen?

HEITMEYER: Durchaus. Es interessiert ja nicht der militärtechnische, sondern der demokratische Zustand der Armee. Eine Studie über die Bundeswehr muß sogar von Außenstehenden durchgeführt werden, die nicht mit militärischem Blick herangehen und in keiner Weise vom Verteidigungsminister abhängig sind.

Herr Rühe spricht von einer Gruppe unabhängiger Honoratioren, die er einsetzen will. Das reicht nicht. Die können durch Kasernenbesichtigungen und Gespräche in Offizierskasinos keine empirische Untersuchung leisten. Die können auch nicht feststellen, wo Gefahren des Rechtsextremismus liegen.

ZEIT: Welche Gefahren können denn Sozialwissenschaftler erkennen, die andere Experten nicht sehen?