Kernige Statistik
Atomkraft verursacht Krebs. Das behauptet Schleswig-Holsteins Krümmel-Kommission. Mit Wissenschaft hat das wenig zu tun
Schnell aus der Hüfte schießen nicht nur Westernhelden, sondern zuweilen auch Wissenschaftler. Ende November stellte Jörg Michaelis, der Leiter des Kinderkrebsregisters in Mainz, eine neue Studie über Leukämie bei Kindern vor, die in der Nähe der deutschen Kernkraftwerke leben. Die Autoren der Arbeit, die vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegeben wurde, haben kein erhöhtes Risiko feststellen können. Doch schon wenige Tage nach Veröffentlichung der Michaelis-Studie zog die amtliche schleswig-holsteinische Expertenkommission den Colt.
Sie untersuchte die Häufung an Leukämie erkrankter Kinder rund um das Atomkraftwerk (AKW) Krümmel an der Elbe und teilte mit: Erstens sei die Häufung der Leukämiefälle "mit großer Wahrscheinlichkeit" auf das AKW Krümmel zurückzuführen. Zweitens sei "ein nennenswerter Beitrag durch andere denkbare Verursacher unwahrscheinlich". Und unter Berufung auf die holsteinischen Experten eröffnete das Kieler Umweltministerium: "Was vom Merkel-Ministerium und Professor Michaelis verschwiegen wird, aber aus dem Gutachten hervorgeht: Im Umkreis von fünf Kilometern aller seit 1980 ans Netz gegangenen Atomkraftwerke ist das Erkrankungsrisiko für Leukämien bei Kindern auf fast das fünffache erhöht."
Daß die Zahl für Krümmel nur auf zwölf Krankheitsfällen beruht, von denen acht in der Nähe des Kraftwerks auftraten, war den Kielern keine Erwähnung wert. Und das fünffach erhöhte Risiko um die sechs AKWs seit 1980? Es ergibt sich, wenn bestimmte Vergleichsregionen herangezogen werden. Läßt man die - seit Jahren Besorgnis erregende - Häufung um Krümmel beiseite, dann liegt die Leukämierate in den übrigen fünf Gegenden insgesamt zwar immer noch etwas höher als in den Referenzgebieten, aber deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. In den Regionen um zwei der sechs Kraftwerke gab es sogar keinen einzigen Fall.
Als "unwürdiges Theater" bezeichnet Heinz-Erich Wichmann den Kieler Schnellschuß. Der Epidemiologe vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF) in Neuherberg bei München gehört selbst der schleswig-holsteinischen Kommission an, war aber verhindert, an der betreffenden Sitzung teilzunehmen. Nun soll die Mainzer Studie von Gutachtern durchgesehen werden - ein in der Wissenschaft übliches Verfahren. Wichmann, der zu den Nachprüfern zählt, hat bislang keinen Grund gefunden, die Arbeit in Zweifel zu ziehen.
Die Kieler legten sich Scheuklappen an, kritisiert Jörg Michaelis aus Mainz.
Er sieht den Schwerpunkt seiner Untersuchung in der Befragung der Eltern jener Kinder, die an Leukämie erkrankt sind. Daraus ergebe sich nämlich der Verdacht, daß das Blutkrebsrisiko mit dem Alter der Mutter zusammenhängt oder mit lokaler Belastung durch Pestizide.
Cowboys leben nicht lange, wenn sie schlecht zielen. Die Kieler Kommission, die Michaelis zufolge "Millionensummen für sachlich unfruchtbaren und ideologisch vorgeprägten Aktionismus" verpulvert, dürfte indes noch lange leben. Denn das ist Politik.
- Datum 19.12.1997 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 52/1997
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