Der Eissturm bricht nicht plötzlich herein über New Canaan, Connecticut.

Man sieht ihn kommen. Die Barometer vor den Doppelglasfenstern zeigen ihn an, die Wetterfrösche im Fernsehen sagen ihn voraus. Aber in New Canaan ist jeder zu sehr mit seinen eigenen Tiefs beschäftigt, um in den Herbsthimmel zu schauen. Nur die nassen, langsam gefrierenden Äste an den Bäumen klirren verdächtig im Wind.

So wird "Der Eissturm" zur Chronik zweier angekündigter Katastrophen, einer meteorologischen und einer menschlichen. Benjamin Hood (Kevin Kline) und seine Frau Elena (Joan Allen) haben sich seit langem auseinandergelebt Ben geht mit der Nachbarin Janey (Sigourney Weaver) ins Bett, Elena läßt sich beim Klauen im Drugstore erwischen und träumt von fernen Mädchentagen. Doch man wartet noch mit den Geständnissen und der Trennung, denn die Kinder, Paul und Wendy, sind noch nicht aus dem Haus. Und so ist es auch bei Jim und Janey Carver nebenan und in vielen anderen Einfamilienhäusern in New Canaan, eine Zugstunde vor New York, im November 1973.

"Dann will ich Ihnen mal die Komödie über diese Familie servieren, die ich in meiner Jugend gekannt habe." Rick Moodys Roman, vor drei Jahren erschienen, schaut auf die siebziger Jahre mit dem Blick des Vollstreckers. Moody rechnet nicht nach, er rechnet ab. Erst auf den letzten Seiten bekennt sich sein Erzähler als Augenzeuge: "Ich. Paul. Der Schwätzer. So habe ich es in Erinnerung." Da ist es schon zu spät für eine Versöhnung. Die Kindheit gelöscht, die Jugend verbrannt.

Ang Lees Film schlägt einen sanfteren Ton an. Am Anfang wie am Ende sitzt Paul (Tobey Maguire) im eisverkrusteten Vorortzug aus New York. Dazwischen ereignet sich, als Ellipse, das Unglück des Thanksgiving-Tages. So weist die Bewegung des Films trotz aller Bitternis nach Hause. Schließlich haben der pubertierende Paul und seine Schwester Wendy (Christina Ricci) das Leben noch vor sich, das die Erwachsenen an diesem Tag wie an vielen anderen vergeuden.

Selbst in der äußersten Zerrüttung ist Lee, wie schon im "Hochzeitsbankett" (1993) und in "Eat Drink Man Woman" (1994), die Familie heilig. Manchmal zieht sich die Kamera fast gewaltsam aus dem Geschehen zurück, wie um die Not der Figuren nicht aus der Nähe sehen zu müssen. Diese Entrückung des Blicks sei das fernöstliche Element in seinen Filmen, hat der in Taiwan geborene Regisseur in Interviews erklärt. Der Rückzug ins große Ganze, in dem die Verzweiflung der Menschen aufgehoben ist wie der Schrei des Vogels im Wald.

Erntedankfest 1973: Unruhe liegt in der Luft. Die unreifen Körper der Kinder gieren nach Berührung. Die Erwachsenen munkeln von "Schlüsselpartys" mit Partnertausch. Als Janey Carver mit Benjamin Hood auf dem heimischen Wasserbett liegt, steht sie plötzlich ohne Erklärung auf und verläßt das Haus. Im Kellergeschoß entdeckt Vater Hood seine Tochter: Sie trägt eine Nixon-Maske, während Janeys Sohn Mikey in Panik auf ihr herumrutscht. Es ist, als bräuchte diese Welt ein Opfer, um wieder ins Lot zu kommen. In der Thanksgiving-Nacht wird es einen Toten geben, und nicht zufällig wird er durch eine losgerissene Stromleitung umkommen. Die Mittelstandsgesellschaft New Canaans steht insgeheim schon lange unter Strom, und es ist dieser Unterstrom verspäteter Gefühle, falscher Hoffnungen und angelesener Gelüste, der die Familien zerstört. So enden viele Kindheiten, und erst viel später weiß man: Das war es nicht wert.