Irgendwann reißt jede Glückssträhne. Seit April 92 amtiert Volker Rühe auf der Hardthöhe, und lange Zeit sah es so aus, als könne er seine schwierige Aufgabe nicht nur meistern, sondern sogar als Karrieresprungbrett nutzen. An Selbstsicherheit hat es ihm nie gemangelt. Wie oft hat er mit den Risiken kokettiert, die das Amt für seinen Chef bereithält. Wenn er besonders guter Dinge war, hat er die Reihe seiner Vorgänger Revue passieren lassen - und kaum einer fand sich da, der es mit ihm hätte aufnehmen können. Stolz präsentierte er seine politischen Erfolge und genoß es immer wieder, seine Ambitionen auf die Kohl-Nachfolge dementieren zu dürfen.

Jetzt hat Volker Rühe andere Sorgen. Man merkt es am Gestus: Noch ein wenig einschüchternder regiert er auf unliebsame Fragen, im Verteidigungsausschuß haut er mit der Faust auf den Tisch, entschiedener als sonst weist der ausgestreckte Zeigefinger die Richtung. Doch das ist Gehabe. Volker Rühes Zukunft ist unsicher geworden. Er weiß das längst. Der Neonazi Manfred Roeder hat vor der Führungsakademie der Bundeswehr einen Vortrag gehalten und damit eine Frage auf die Tagesordnung gesetzt, die der Minister bisher nicht einmal zu stellen erlaubte: Gibt es rechtsradikale Tendenzen in der Bundeswehr?

Dabei muß sich der Minister nicht vorwerfen lassen, er habe lax reagiert.

Wann immer in den letzten Monaten rechtsradikale Umtriebe in der Truppe an die Öffentlichkeit kamen, hat Rühe schnell und entschieden Konsequenzen gezogen. Er hat geahndet, versetzt und entlassen, kompromißlos, wie es seine Art ist. Seine Intention im Umgang mit rechten Ausfällen war klar: Da sollte hartes Vorgehen demonstriert werden.

Als im sächsischen Schneeberg ein Gewaltvideo auftauchte, ließ Rühe den dortigen Divisionskommandeur ablösen, obwohl der zum Zeitpunkt der Aufnahmen für die betreffende Garnison gar nicht verantwortlich war. So entschieden hat Rühe dort und in anderen Fällen reagiert, daß mittlerweile selbst seine Soldaten unruhig werden. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und eingeschüchtert. Auf einem Treffen von 130 Generälen, vergangene Woche in Köln, wurden die Vorwürfe der Militärs gegen Rühe erstmals öffentlich.

Aber vielleicht übersehen die Soldaten, daß Rühes harte Maßnahmen bei bekanntgewordenen rechtsextremen Ausschreitungen nur die eine Seite seiner Strategie ausmachen. Die auftrumpfenden Reaktionen und die Verweigerung einer systematischen Untersuchung rechtsradikaler Tendenzen in der Bundeswehr gehören zusammen. Das kompromißlose Vorgehen in "Einzelfällen" sollte die generelle Frage nach möglichen Zusammenhängen, nach dem Ausmaß rechter Neigungen, nach der Anziehungskraft der Bundeswehr für Rechtsradikale gar nicht erst aufkommen lassen. Rühe demonstrierte Problembewußtsein und negierte zugleich das Problem. Eine Weile lang ließ sich die Öffentlichkeit durch Härte im nachhinein beruhigen.

Bis zur Roeder-Affäre: Ein republikbekannter Neonazi als Referent in der wichtigsten Bildungsstätte der Bundeswehr? Keiner der dreißig Zuhörer kennt den Mann? Auch während des Vortrags fällt niemandem etwas auf? Das Materialamt der Bundeswehr schenkt ihm ein paar ausgemusterte Fahrzeuge für sein Siedlungsprojekt in Ostpreußen? Nein, die Sache ist zu unglaubwürdig, oder vielleicht einfach zu skurril, als daß Volker Rühe zur Tagesordnung übergehen könnte.