Qom/Teheran

Drei Sicherheitsbeamte stehen vor dem bescheidenen Gebäude in der engen Mohammed-Montazeri-Straße von Qom. Die Gasse ist menschenleer. Niemand wagt sich an das Haus des prominentesten iranischen Dissidenten heran, das Radikale der paramilitärischen Hizbullah im November gestürmt hatten. Nur enge Familienangehörige dürfen das Heim des Großajatollahs Hussein Ali Montazeri betreten, in dem der hohe Geistliche, von der Außenwelt abgeschnitten, seines Schicksals harrt. An einigen Wänden dieser "heiligen Stadt", des Zentrums schiitischer Gelehrsamkeit, prangt in dicken schwarzen Lettern die Drohung: "Tod Montazeri".

In Qom hat man die Mohammed-Montazeri-Straße noch nicht umbenannt. Bei allem Zorn über den Vater ist die Erinnerung an den Sohn, der 1981 bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen war, noch nicht ausgemerzt Hussein Ali Montazeri, der Vater dieses "Märtyrers der Revolution", soll nun wegen "Hochverrats" vor Gericht gestellt werden. So will es Ajatollah Ali Chamenei, der "geistige Führer" des Iran.

Montazeri, der einst als Ajatollah Chomeinis wichtigster Mitstreiter im Iran und designierter Nachfolger des Imam galt, war 1989 unter anderem wegen seiner offenen Kritik an den Exzessen der Revolution in Ungnade gefallen.

Zeitweise unter Hausarrest, durfte Montazeri allerdings in Qom seine islamischen Lehren fortführen, und er zog Hörer an wie kaum ein anderer Gelehrter.

Doch politische Kritik ließ das Regime nicht mehr zu. Vor sechs Wochen wagte Montazeri trotzdem einen offenen Angriff auf Chamenei, warf ihm die Überschreitung seiner Befugnisse vor, um Präsident Chatamis Reformen zu vereiteln. Die Unterdrückung legitimer Freiheiten des Volkes sei "eine Sünde". Diese Rüge traf das islamische Establishment ins Herz, denn die Kritik kam von einem der Gründerväter des Systems.

In Qom herrscht Hochspannung. Auch andere Ajatollahs, die die Macht des "geistigen Führers" kritisierten, stehen unter Hausarrest. In den vergangenen Wochen kam es zu gewaltsamen Übergriffen von Gruppen, die Chamenei nahestehen. "Jetzt scheint es die Ruhe vor dem Sturm zu sein", sagt der liberal-islamische Oppositionelle Ezzat Sahabi. Der Konflikt ist ungelöst. Er bedroht die Grundfesten jenes Systems, das die Herrschenden trägt. Der Ausgang dieses Streits wird darüber entscheiden, ob sich die "Islamische Republik" unter Führung Präsident Chatamis selbst reformieren und liberalisieren kann.