DIE ZEIT: Ihre Amtszeit endet. Wie lautet Ihr letztes Wort?

WOLFGANG FRÜHWALD: Haltet durch!

ZEIT: Gegen wen?

FRÜHWALD: Gegen die offenkundigen Bremsmechanismen. Erstens hat die deutsche Industrie ihre Aufwendungen für die Grundlagenforschung reduziert. Es gibt zwar Gegenbeispiele wie die Elektroindustrie, die mehr Ingenieure einstellt, als sie gegenwärtig braucht. Aber solches Handeln wünschte ich mir von der gesamten Industrie. Zweitens findet die Politik nicht die Kraft, das zu tun, was sie sagt. Wenn ich das ringsum nickende Einverständnis mit den Studentenprotesten sehe, dann erschrecke ich. Das kann nur dazu führen, daß diese junge Generation, die willig und tüchtig ist, zu Zynikern wird. Nähme die Politik Bildung, Wissenschaft und Forschung so wichtig, wie sie immer sagt, dann wäre die Mittelverteilung in den Länderhaushalten und im Bundeshaushalt eine andere.

ZEIT: Würden Sie Roman Herzog zustimmen, daß wir kein Erkenntnisproblem, sondern nur ein Umsetzungsproblem haben?

FRÜHWALD: Nein. Die Bildungsrede des Bundespräsidenten war zwar gut und viel konkreter, als ihre Kritiker meinen. Aber es gibt nicht nur ein Umsetzungsproblem. Roman Herzog hat selbst gesagt, es geht auch um die Inhalte, da kann ich ihn nur bestätigen. Die Inhalte von Bildung und Wissenschaft müssen ebenso rasant verändert werden wie die Strukturen der Welt. Daß unsere Geisteswissenschaftler beispielsweise immer noch meinen, sie könnten ohne Kenntnis der Evolutionstheorie ihr Fach betreiben, das ist eine Fehleinschätzung. Die Literaturwissenschaft zum Beispiel darf nicht an so wichtigen Erkenntnissen vorübergehen. Unter anderem deswegen, glaube ich, haben wir auch ein Erkenntnisproblem.

ZEIT: Von den Geisteswissenschaften wird gemeinhin verlangt, daß sie Werte vermitteln.