Schweigen die Intellektuellen? Kann man gar von dem Schweigen der Intellektuellen reden? Jedenfalls wird davon geredet, klagend oder anklagend. Insbesondere nach der deutschen Vereinigung kursierte dieser Topos als Standarddiagnose in der Berichterstattung zur Lage der Nation. Eine der bedauerlichen Vereinigungsfolgen mehr? Jetzt drängt sogar Bundespräsident Herzog: "Wir brauchen Streit und Widerspruch, wir brauchen die Fragen und Zumutungen unabhängiger Köpfe." Der ideelle Gesamt-"Ruck" der Deutschen verlangt gewissermaßen danach. Ein sehr bekannter Unterton schwingt da mit: Der deutsche Intellektuelle schweigt nicht einfach, weil er nichts zu sagen hat oder sagen will; wenn er's tut, dann wird es wie die Pflichtverletzung eines öffentlichen Dienstleisters verstanden, der den Servicebereich Politikkritik vernachlässigt. So neigen wiederum die Intellektuellen dazu, die Rede vom Schweigen als Kollektivvorwurf entrüstet zurückzuweisen, als stände eine Errungenschaft wie der Flächentarifvertrag auf dem Spiel.

Als Günter Grass vor ein paar Wochen sich in seiner Frankfurter Laudatio öffentlich für sein Land schämte und gegen die Asylpolitik polemisierte, wurde seiner Rede applaudiert: Da war er, der längst fällige Ausbruch aus dem Schweigen der Intellektuellen. Gerade jene, die sich immer berufen sehen, die Ehre der deutschen Intellektuellen zu retten, bestätigten mit ihrem Beifall, daß es das doch gab, das Schweigen. Ihre Reaktion zeigte mithin ein merkwürdiges Ineinander von latentem Krisengefühl und aufatmender Selbstbestätigung.

Aus der Distanz gesehen, erscheint die Frankfurter Böe symptomatisch. Keiner der Applaudierenden offenbarte danach eine große Leidenschaft, sich hinter Grass' Fanfare einzureihen. Es ging doch nur um das allgemeine Ja zum kritischen Nein. Auf das Ende des Schweigens folgte Schweigen. Man stelle sich vor, daß zu Zeiten der Notstandsgesetze oder des Historikerstreites auf die erste kritische Intervention ein gemeinsames Schulterklopfen gefolgt wäre und die intellektuelle Prominenz sich wechselseitig beglückwünscht hätte, weil einer der Ihren so schön stellvertretend agierte.

Tatsächlich wurde Grass' Auftritt wie die Inszenierung eines allbekannten Erfolgsstückes behandelt, bei dem nicht mehr der Inhalt, sondern der Wiedererkennungseffekt zählte. Mit freudiger Erregung konnte man auf die Intellektuellenschelte des CDU-Generalsekretärs reagieren. Der Originalton der Adenauerzeit, das Pathos des Intellektuellen, der die Politik in die Schranken weist, die Reprise der alten Bundesrepublik - das allein zählte, wie es schien. Grass wurde in einer Art verteidigt, die ihn zum Petrefakt und Wiederholungstatbestand der rheinischen Republik machte. Viel Würde hatte das nicht. Doch hier ist die Frage wichtig, warum die gegenwärtige Krise der Intellektuellenrolle weit weniger interessierte als die Fortsetzung dessen, was Enzensberger das "alte Indianerspiel" mit der Politik nannte.

Was macht diese Vergangenheit so klebrig? Woher kommt der Fluchtreflex gegenüber der Gegenwart? In seinem Essay über das Nachbeben zur Rede von Grass schließt Gunter Hofmann (ZEIT Nr. 45/97) mit einem verräterischen Satz: "Das, was die alte Bundesrepublik ausmacht, hat sie sich erstritten." "Sie", die "alte Bundesrepublik", erscheint da selbst als Subjekt. Suggeriert wird das Bild einer prästabilierten Harmonie zwischen Kritik und Politik. Sein Nachruf: Der "Großintellektuelle" von einst sei nicht mehr denkbar. Das sieht auch Thomas Assheuer (ZEIT Nr. 46/97). Der "kritische Intellektuelle" der alten Bundesrepublik ist ihm zufolge zum "Platzanweiser" der politischen Korrektheit degeneriert. In diesem Vakuum hätten sich die konservativen "Anpassungsintellektuellen" und zynischen "postmodernen Intellektuellen" breitgemacht. Es ist ein karikierendes Bild intellektueller Abweichung, das die Krise der Intellektuellen kaum erhellt. Assheuer wünscht sich den "abgeklärten Intellektuellen", den skeptischen Moralisten, der unter Verzicht auf die Attitüde des Großintellektuellen an den Menschheitsfragen festhält. Wer wäre das nicht gern! Aber ist Abgeklärtheit eine intellektuelle Tugend?

Doch eines zeigen diese Texte deutlich: Der Bruch der Intellektuellenrolle nach der Epochenwende 1989 ist irreversibel. Allerdings, als intellektuelle Erfahrung gilt der Bruch nichts; er beschleunigt nicht den Puls. Die Desillusionierung macht nicht munter. Vielmehr scheint die Lähmung der westdeutschen Intellektuellen, die einsetzte, als die Kaltluftfront der europäischen Normalität in das geschichtslose Biotop Westdeutschlands hereinbrach, immer noch fortzuwirken. Überzeugung, Gewißheit, Selbstverständnis verwandelten sich damals in Besitzstände, die es vor dem Anprall des schlechten Neuen zu sichern galt, und die Klage über das zerstörte gute Alte verschwisterte sich mit der Verklärung der alten Bundesrepublik.

Die Krise der Intellektuellen wird also wie ein lang anhaltender Phantomschmerz erlebt: Ein Glied trauert über den Verlust eines gut funktionierenden Restkörpers. Immer wird da die Brandt-Ära beschworen, die gelungene Initiation einer politischen Kultur, in der sich Politik und Moral versöhnten. Die Realgeschichte war anders! Mit dem Extremistenerlaß der sozialliberalen Regierung verewigte sich die Frontstellung zwischen Politik und Intellektuellen, die mit dem Kampf gegen Adenauers Politik der Westbindung, der Wiederbewaffnung und der Eingliederung der Nazi-Beamtenschaft begonnen hatte. Die rheinische Republik wurde keineswegs geliebt und nicht sonderlich geachtet. Die Geschichte ihrer Demokratisierung erschien als kontinuierlicher Abbau demokratischer Rechte, von den Notstandsgesetzen bis zu den Kontaktsperreparagraphen. Die kritische Rhetorik war getragen vom Pathos der Warnung. Der "formalen Demokratie" stand das Noch-nicht der wahren Demokratie gegenüber. Die Gesellschaft selbst stand unter dem generellen Vorbehalt der Utopie. Lieber gestattete man der DDR ein vorläufiges Wohnrecht im Reich der Utopie, solange die Bundesrepublik verstockt im kapitalistischen Wohlstand verharrte.