Gefangen auf dem Balkan

Kroatiens Politiker können sich aus der Logik des Krieges nicht befreien von Norbert Mappes-Niediek

Man kann Zlatko Tomcic nicht gut böse sein, wenn er so unbekümmert gegen die Regeln der Political Correctness verstößt. "Wissen Sie", nimmt er den Besucher ins Vertrauen, "Kroaten und Serben passen einfach nicht zusammen."

Die Kroaten seien mehr wie die Deutschen, plaudert er im Interview, arbeitsam und ehrlich, während die Serben, "machen wir uns nichts vor, es vorziehen, von der Arbeit anderer zu leben". Lieber als ausgerechnet an die Serben denkt Tomcic an seine deutsche Oma und erzählt vom Dorfleben im nebligen Pannonien, wo man immer tolerant mit den Donauschwaben zusammen gewohnt hat. Der Vorsitzende der traditionsreichen Kroatischen Bauernpartei muß von keinem Typberater zurechtgeschminkt werden: Er verkörpert von selber das gemütliche, rustikale Kroatien, wo jedes Gespräch rasch ins Du und zum Raki übergeht.

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Radikalismus ist ihm fremd, Haß empfindet er keinen, und seine Vorurteile pflegt er in aller Unschuld. An der Wand hängen neben bärtigen Größen der kroatischen Geschichte Vereinswimpel und hölzerne Ehrentafeln aus der Zeit, als das bäuerliche Land noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Im Westen würde der nette Herr Tomcic einen biederen, konservativen Politiker abgeben. Auf diplomatisches Parkett würde man ihn vielleicht nicht schicken. Aber wo einer gebraucht wird, der die Ärmel aufkrempelt, ist Zlatko Tomcic richtig.

Mehr als zwei Jahre sind die fleißigen und ehrlichen Kroaten nun unter sich.

So lange ist es her, daß zwischen 150 000 und 200 000 Serben in endlosen Auto- und Traktorkolonnen aus der kroatischen Krajina nach Bosnien und weiter nach Serbien flohen. Kroatiens Sieg über die "serbokommunistische Aggression" fiel gründlicher aus, als man hoffen durfte: Man war die notorischen Unruhestifter, die "immer eine Extrawurst" wollen, wie Zlatko Tomcic meint - oder, mit einem charakteristischen kroatischen Wort, überall gleich zu "serbeln" anfangen - endlich los. Sie waren es, dachte man, die das so mitteleuropäische Land an den Balkan banden. Mit ihrem Verschwinden schien der Weg nach Europa frei. Es sei wohl "leichter so" für Kroatien, meinten damals selbst weltoffene Intellektuelle, die Vertreibungen mißbilligen und ihren Sinn für Toleranz auch im Krieg unter Beweis gestellt haben - etwa Eugen Pusic, der einmal Berater des UN-Generalsekretärs war. Aber die Massenflucht der Serben führte Kroatien nicht nach Europa, sondern in eine historische Falle.

Das befreiende Gefühl wollte sich danach nicht einstellen. Schon die Siegesfeiern, mit Pomp und aufdringlicher Symbolik begangen, blieben schal.

Noch heute, zwei Jahre später, spielt Kroatien in Europa gemeinsam mit Serbien und Albanien in der untersten Klasse, noch hinter Rumänien und Bulgarien, die wenigstens theoretisch als EU-Aufnahmekandidaten betrachtet werden. So tief "auf dem Balkan" lag Kroatien noch nie Jugoslawien war immerhin mit der EU assoziiert. Kaum eine Woche vergeht, ohne daß der amerikanische Botschafter oder US-Außenministerin Madeleine Albright über den Mangel an Demokratie im Land schimpft, Nationalhelden zu Kriegsverbrechern stempelt und die Mächtigen von Zagreb nach Mostar schickt, damit sie dort den Extremisten den Kopf waschen. Eine Aufgabe, für die Politiker vom Kaliber Zlatko Tomcic, wie Kroatien sie sich wünscht, nicht zu gebrauchen sind.

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