: Totenhemd statt Taufkleid

Wenn Kinder sterben, bevor sie geboren werden

Der Sarg ist sechzig Zentimeter lang, Kiefer, rein weiß. Er ist aufgebahrt über einem kleinen schwarzen Erdloch. Am Rand der Pfarrer, zu seinen Seiten eine kleine Trauergemeinde. Er hält das Neue Testament in Händen und liest: "Alles kommt zu seiner Zeit. Und für alles, was geschieht, gibt es einen Grund unter dem Himmel. Es gibt eine Zeit der Geburt und eine Zeit des Todes."

Neben ihm schluchzt eine junge Frau, die Mutter des toten Kindes. Als antworte er diesem Schluchzen, sagt er: "Aber wenn die Zeit der Geburt gleichzeitig die Zeit des Sterbens ist, wenn Anfang und Ende des Lebens zusammenfallen, dann ist die Weltordnung verletzt ..."

Statt des Taufkleides das Totenhemd. Das ist die Wahrheit über eine Totgeburt.

Es ist eine Wahrheit, die im Jahr 1995 in der Bundesrepublik 3342 Eltern überfiel. Sie erlitten das Trauma einer Totgeburt, die der Gesetzgeber in Gramm definiert: Wenn die Leibesfrucht "nach der Scheidung vom Mutterleib" weder einen Herzschlag noch eine pulsierende Nabelschnur, noch Lungenatmung aufweise, jedoch mindestens 500 Gramm wiege, so handle es sich um ein "tot geborenes oder in der Geburt verstorbenes Kind". Ein Kind, notabene, mit dem die Mutter wenigstens 25 Schwangerschaftswochen hindurch gelebt hat, sechs Monate lang, während denen sie es auf dem Monitor eines Ultraschallgeräts wachsen, am Daumen nuckeln, schlafen oder turnen sah, mit dem sie redete und dessen munteres Kicken sie selbst in der Nacht mit einem glücklichen Lächeln ertrug.

Und nun, da das Kind tot ist, besteht das "Glück" einer solchen Mutter darin, daß die kleine Leiche das Mindestgewicht von 500 Gramm aufweist und damit das Recht auf eine Bestattung, wenn auch nicht auf einen eigenen Namen hat.

Hätten auch nur 10 Gramm gefehlt, wäre der kleine Korpus "in hygienisch einwandfreier Weise zu beseitigen" gewesen.

In Berlin, auf dem Spandauer städtischen Friedhof "In den Kisseln", verlangte dessen Verwaltung 1995 die Ausgrabung eines gerade erst bestatteten, aber nur 460 Gramm schweren Babys. Es bedurfte eines Machtwortes des Bezirksbürgermeisters, um dem kleinen Toten seine Ruhe zu lassen.