BERNHARD PÖRKSEN: Sie haben kürzlich den Satz formuliert, Wahrheit sei "die Erfindung eines Lügners". Was ist damit gemeint?

HEINZ VON FOERSTER: Damit ist gemeint, daß sich Wahrheit und Lüge gegenseitig bedingen: Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner. Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde, um eine ganz neue Sicht und Einsicht zu ermöglichen. Meine Auffassung ist, daß die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet - man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisition - Krieg. Man muß daran erinnern, wie viele Millionen von Menschen verstümmelt, gefoltert und verbrannt worden sind, um die Wahrheitsidee gewalttätig durchzusetzen.

PÖRKSEN: Sie sehen eine Korrelation zwischen der Anzahl der Gefallenen und einem statischen Wahrheitsverständnis?

VON FOERSTER: Ja - und auf einmal stehen die großen Armeen der Gläubigen einander gegenüber, sie knien nieder und beten beide zu ihrem Gott, daß die Wahrheit, daß ihre Wahrheit siegen möge. - Wer hat recht? Sind der Wein und das Brot, die zum christlichen Abendmahl gereicht werden, wirklich Blut und Körper Christi, oder handelt es sich bei Wein und Brot um Symbole, die das Blut und den Körper darstellen? Um diese Frage zu entscheiden, wird geschlachtet und geschlachtet. Und die Armee, die übrigbleibt, verkündet stolz, im Privatbesitz der Wahrheit zu sein. Sie kann jetzt beginnen, die Überlebenden der Gegenseite zu bekehren.

PÖRKSEN: Diese Ablehnung des Wahrheitsbegriffs hat, wenn ich richtig verstehe, einen ethischen Grund. Aber muß man - aus einer erkenntnistheoretischen Perspektive - nicht zugeben, daß an den Orten des wissenschaftlich-technischen Fortschritts Wahrheit produziert wird? Wir telephonieren, wir fahren Auto, es erheben sich tonnenschwere Flugzeuge in die Luft. Das kann doch nur heißen, daß es einen systematischen Zusammenhang zwischen unseren Vorstellungen und dem Wesen der Welt gibt.

VON FOERSTER: Es ist ein Wunsch des Menschen, seine Fertigkeiten und Möglichkeiten - das Autofahren, das Fliegen, die herrlichen Computer - zu erklären. Aber diese Erklärungsprinzipien sind kulturell bedingt und jeweils ganz verschieden man kann zwischen ihnen auswählen und hin und her hüpfen.

Ein Realist würde auf das Maxwellsche Prinzip verweisen, um das Funktionieren von Elektromotoren zu erläutern. Und ein Magier würde sagen, daß es die Menschen verstanden haben, mit Unerklärlichem umzugehen. Aber wenn Sie mich fragen: Mir erscheint die Idee vollständiger Erklärbarkeit als eine Hoffnung, die das Staunen befriedigt und beseitigt: Man kann nun in einer Welt leben, in der es das Wunder und das Unwißbare nicht mehr gibt das ist das Ergebnis unserer Erklärungsversuche.