So leben sie hin in ihren Häusern, unsre Alten: brabbelnd und grimmend. Hängen dem verlaufenen Leben nach und wissen noch immer nicht, warum und wohin sie laufen. Ob sie Krapp heißen oder sich Sonny Boys nennen, immer stochern sie im Versäumten und Verspielten, das vielleicht nie so gewesen ist, und sonnen sich im gehabten Erfolg, der nie ein ganzer war. "Der Schein trügt": Glück und Traum und alles Können ist bloß Bruch: "Jetzt brauche ich auch zum Nägelschneiden / die Lesebrille / Durch dieselbe Brille durch welche ich Voltaire lese / sehe ich meine Zehennägel", raunzt der Alte, der einst mit 23 Tellern jongliert hatte.

Seine miese Altwohnung rollt, nachdem eine über Leinwände gesudelte Hochhausfassade zu Boden geklappt ist, aus dem Bühnenhintergrund nach vorn, Jahrzehnte von Muff blicken aus Rumpelmöbeln und Tapeten, aus Treppentritten und Winkelschränken auf uns herab, und auf den Knien zwischen die Sitzgruppe gestützt, glotzt uns entgeistert Rolf Boysen an, faßt sich und redet los über Schrott und die Welt, die Kunst und das Heim.

Boysen grimmt und rumort, aalt und sonnt sich und verfinstert: Jeder Satzbrocken, beim Lesen schon ulkig, füllt sich in Boysens Mundhöhle zum wilden Witz, jede Irritation bläht sein staunender Blick zum Weltwunder auf. Rolf Boysens Sonorbaß bröckelt, wenn die Gedanken brechen, er stemmt seinen Körper und wuchtet die fragenden Silben; die fahrigen Hände suchen Schuh oder Feile, die Hirnschnecken nach der Biographie, eigner wie fremder, stolpern durch Assoziationslabyrinthe und kehren in Kreiseln zurück an ein Dutzend Ausgänge, etwa zu seiner Mathilde (gestorben "im ungünstigsten Moment") und zu seinem Bruder Robert, der ewig unverheiratet blieb und offenbar Mathilden sehr (zu sehr?) verehrte. Denn ihm vermachte sie das Wochenendhäuschen. "Das irritiert mich", sagt Tellerkünstler Karl, "am Lebensende / noch eine Panne."

Oder ist das Leben insgesamt eine Panne? Wie banal selbst diese Einsicht. Fällt Karl sein Artistenruhm ein, wippt er straff auf der Matratze, bis es ihn sprunggefedert in den Stand schnellt. Denkt er an Bruder Robert, den großen Schauspieler mit dem kurzen Atem, kräuselt Degout seine Lippen: ein fauler Hohlkopf wie alle Theaterleute. Und Mathilde? Fast eine Analphabetin, die das Klavier malträtierte und somit naturgemäß Karls Kopf.

Wenigstens er selbst ein unermüdlich sich perfektionierender Geist: Denker, Artist, Lebensgefährte - und das alles gleichzeitig. Boysen schwillt und tänzelt, von sich belüftet, bevor er als Laokoon zwischen seinen Hosenträgern verstrudelt und beim Naßrasieren über die gestraffte Lippe fistelt: "Ich kam ganz ohne Klassiker aus." Er macht sich schön für den alldienstäglichen Auftritt des Bruders. "Wie ich diese Dienstage hasse / Noch mehr hasse ich die Donnerstage", denn dann besucht er Robert in dessen kühl-karger Wohnung mit immerhin bequemen Sesseln. (Das rein- und rausrollende Bühnenbild erarbeitete Frank Hellmann nach Ideen Dieter Dorns.)

Jetzt also wird es wieder hell, und auf der Szene, in Karls Rumpelbude, sitzt Robert wie Cäsar in Rom: ein Monstrum großschädeliger Eitelkeit, so thront er zwischen Tisch und Waschkommode, das Gesicht groß weggewandt von Bruder Karl, der, zum Schulbub erstarrt, auf der andren Tischseite beflissen herumstottert. Thomas Holtzmann - ein Götze in schwerem Öl, ganz der Bedeutende, von Erfolgen aufgeblasen und von Mißerfolgen in blasierten Ekel abgesunken.

"Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben", hieß einst Qualtingers schauerkomischer Dialog zweier Altmimen; er dauert mit allen abgestürzten Träumen und aufgeplusterten Reminiszenzen grad sieben Minuten. Bei Bernhard vergehen damit zweieinhalb Stunden - wie im Vorbeiflug. Daß Schauspieler solche Mono- und Dialogstücke lieben, versteht sich, denn wenn einer die mimischen und gestischen "Griffe" beherrscht, kann er sich aus jedem Satz eine Nummer erzaubern, die jeder Jonglage mit 23 Tellern Paroli bietet. Ob du erschrickst über einen Gedanken oder dich diebisch amüsierst, ob er dich aus den Latschen kippt oder dich strafft: allemal doll.