Wer früh kommt, ist schon zu spät. Eine halbe Stunde vor Beginn der Vorlesung im größten Hörsaal des Zentralklinikums der Universität Lübeck müssen die Türen geschlossen werden. Noch auf den Treppen sitzen und stehen Studentinnen mit Wickelkindern im Brusttuch, Ärzte im weißen Mantel, Krankenschwestern und, an ihren Geh-Hilfen zu erkennen, Patienten. Rasch werden weitere Hörsäle geöffnet, die bald ebenso überfüllt sind.

Eine medizinische Sensation, woran anatomische Zeichnungen an der Wandtafel denken lassen? Ein Nobelpreisträger, der neue Operationsmethoden vorführt? Nichts da. Im Siechenhaus wird ein Heilkräftiger der Literatur erwartet. Ein Dichter soll zu Doktoren sprechen. Und Medizinmänner und Kranke und Salben-Schwalben und künftige Rezept-Verschreiber - alle wollen den Schriftsteller sehen und hören, der Büroräume inzwischen nicht nur in Berlin, sondern auch an der Trave hat und vor anderthalb Jahren in diesen heilenden Hallen Hilfe gesucht hat: Günter Grass.

Der unruhige Weißkittel neben mir, dem es peinlich ist, daß er immer wieder sein Piepgerät aus der Tasche ziehen muß - wäre der vielleicht einer der Helden des Kurz-Gedichts von Grass im jüngsten Band: " ...auch ich war oftgesehener Gast / im Klinikum Lübeck, wo eilige Oberärzte / gerne Chef und Professor wären"? Oder jener von vielen gegrüßte Mann zu Füßen des Dichters wäre der zu finden in dem Band mit Gedichten und Zeichnungen "Fundsachen für Nichtleser" (ZEIT Nr. 37/1997): "Dank Kontrastmittel / sah ich mein Herz und dessen Kranzgefäße, / sah, daß sich Kalk darin gelagert hatte, / sah die Arterie und in ihr den Schlauch, / mit dem Professor Katus summend fingerte ..."?

Erstaunlich an dieser ersten von sechs Vorlesungen, die Günter Grass bis Ende Februar jeden Dienstag um 18 Uhr in Lübeck halten wird: obwohl er sich mit dem Gesamt-Titel der Reihe, "Werkstattbericht des Schriftstellers und Graphikers", ein weites Feld eröffnet, denkt er von Anfang bis zum Ende, oft witzig, humorvoll, von den Zuhörern mit Beifall bedankt, an seine mit Medizin von morgens bis mitternachts beschäftigten Zuhörer.

Das beginnt schon damit, daß er sofort den Ton findet, der in einem Spital allmächtig ist: Tod und Leben, Sterben und Gebären, Untergang und Zeugung. Er beginnt mit Gedichten aus der Zeit des Expressionismus, etwa mit diesen Versen, die ein eben zum Doktor der Jurisprudenz promovierter Dreiundzwanzigjähriger, Alfred Lichtenstein, unter dem Titel "Prophezeiung" anderthalb Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges geschrieben hat, wo er gleich in einer der ersten Schlachten totgemacht wurde: "Einmal kommt ... / Sterbesturm ... / Es stinkt nach Leichen, / Es beginnt das große Morden ... / Alles nimmt sein ekles Ende ..." Schweigen nach solchen Versen, das sich befreit erst im Gelächter, als Grass, seinen Lebenslauf skizzierend, darauf besteht, daß er, gelernter Steinmetz, sollte ihm Schreibverbot drohen, immer noch eine Firma für Grabsteine aufziehen könnte, "die - wie Sie hier wissen - immer benötigt werden".

Hat Grass je so deutlich bekannt, daß Schwester und erste Frau Gedichte des Bandes "Die Vorzüge der Windhühner" zu einem Preisausschreiben an den Süddeutschen Rundfunk geschickt haben? Der junge Lyriker erwirbt den 3. Preis, 350 Mark, kauft sich dafür endlich einen Wintermantel und klettert zum ersten Mal in ein Flugzeug, Berlin-Stuttgart.

Da erzählt einer von der "unbekümmerten Erfolgslosigkeit", mit der er dem Finanzamt melden muß, daß vom ersten Buch in drei Jahren ganze 730 Exemplare über den Buchhändler-Tresen gegangen sind. Pleite? Erfolg!