Spanische Literatur Die Liebe als Spuk

Der spanische Erfolgsautor Javier Marías und sein Gespensterroman "Morgen in der Schlacht denk an mich".

Ein Romananfang wie keiner vor ihm. Der spanische Autor Javier Marías beginnt seinen neuen Roman ganz lapidar und lakonisch. "Niemand denkt je daran, daß er irgendwann eine Tote in den Armen halten könnte. Niemand denkt je daran, daß jemand im unpassendsten Augenblick sterben könnte, obwohl dies die ganze Zeit passiert."

Es passiert einem Mann in Madrid. Er hat sich mit einer Frau in deren Wohnung verabredet und möchte zum erstenmal mit ihr schlafen. Doch kaum hat er begonnen, sie zu entkleiden, wird sie von Übelkeit befallen. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht. Sie merkt nicht, daß sie stirbt. Sie begreift ihre eigene Auflösung nicht. Auch der Fremde neben ihr im Bett versteht nicht gleich, daß aus der Liebesnacht eine Totenwacht wird, aber er nimmt Rücksicht auf ihren Todeskampf: Er guckt einen alten Film im Fernsehen, dreht aber höflich den Ton weg, um sie nicht zu stören. Kurz darauf ist sie tot. Gestorben mitten im Ehebruch.

Es ist ein schrecklicher, ein unerklärlicher, ein lächerlicher Tod. Wenn sie noch könnte, würde die Tote ihr eigenes Sterben wegen seiner Banalität und Albernheit verachten. Aber sie kann als Tote nur eines, das einzige, was den Toten bleibt: uns, die Lebenden, heimsuchen und sich in unserer Erinnerung einnisten. "Ewig herumspuken, nie ganz verschwinden, nie ganz vergehen und uns nie ganz verlassen, sondern in unserem Kopf hausen."

Der Mann fühlt sich von der Toten verfolgt. Am liebsten würde er still verschwinden, aber er muß sprechen und Zeugnis ablegen. Sosehr er seine eigene Rolle in ihrem Leben tilgen möchte, sosehr spürt er auch, daß er ihr die Erzählung ihres Todes schuldet. Einerseits beseitigt er alle Spuren seiner ungehörigen Anwesenheit in ihrer Wohnung, ehe er sich heimlich und ohne jemanden zu benachrichtigen aus dem Staube macht; andererseits trachtet er, der Unbekannte, danach, die Bekanntschaft ihrer Angehörigen zu machen und sich ins Vertrauen ihrer Familie zu drängen.

Er muß seine Schuld begleichen und seine Erzählung vor der Welt abladen. Nur so kann er den Geist der Toten bannen und den bösen Zauber brechen, unter dem er steht und der ihn selber verhext zu einer Art Spukgestalt - einem Niemand, einem Schattenmann und Verschwindibus, einem Ein- und Nachschleicher unter falschem Namen. Nur durch Erzählen kann er dem sinnlosen und lachhaften Unfall nachträglich so etwas wie Würde verleihen und den Zufall in Notwendigkeit verwandeln, ihn mindestens aufheben in narrativer Folgerichtigkeit. Auch wenn dieses Erzählmanöver immer ein Trugschluß sein muß, weil es auf ein Ende zusteuert und einen Sinn stiftet, die es beide real nicht gibt.

"Morgen in der Schlacht denk an mich" ist der achte Roman des 46jährigen Javier Marías, sein vierter in deutscher Übersetzung und sein bisher unheimlichster - ein Nachtspuk, ein finsteres Notturno, eine piéce noire, grausig wie Goyas Traumgesichte, schrecklich und komisch wie die Nachtalben von Füssli, gespenstisch wie Shakespeares Geisterauftritte. Marías bringt düstere Nachrichten von der schwarzen Rückseite der Zeit, wo die Toten wandeln und die Täuschungen, die Irrtümer und Skrupel herkommen. Was nunmehr in die deutschsprachigen Buchläden gelangt, ist eine Truggeschichte, ein Gespensterroman aus dem heutigen Madrid, geschrieben von einem Autor, dessen internationaler Ruhm so heiß wie jung ist.

Bis zum Jahr 1996 hatte der Name Javier Marías außerhalb Spaniens kaum einen Klang. In seinem Lande galt der Sohn des Philosophen und Franco-Gegners Julián Marías als Hoffnungsträger im Gefolge Juan Benets, des großen Hermetikers und intellektuellen Neuerers der spanischen Literatur. Auch als Essayist und Übersetzer (vor allem von Sterne, Hardy, Yeats und Conrad) hatte er sich verdient und verdächtig gemacht - als den britischsten unter Spaniens Schriftstellern tadeln ihn die spanischen Patrioten. Und in England war der Roman "Alle Seelen" nicht unbemerkt geblieben, eine spöttische Hommage für All Souls, das Oxforder Traditions-College, an dem Marías in den achtziger Jahren als Dozent gewirkt hatte. Aber im deutschen Sprachraum kam die Wende erst mit "Mein Herz so weiß". Der Roman mit dem "Macbeth"-Zitat im Titel schlug spektakulär ein und wurde bisher siebenhunderttausendmal verkauft.

Einen unwahrscheinlicheren Bestsellerautor hat es lange nicht gegeben als diesen polyglotten Weltbürger aus Madrider Gelehrtenfamilie. Weder sein Selbstverständnis noch sein literarischer Anspruch prädestinieren ihn für den massenhaften, zerstreuten Konsum. Seine Bücher lassen sich nicht einfach weglesen.

Marías erzählt moderne Metropolengeschichten und spielt mit allerlei Ungleichzeitigkeiten, im Wechsel zwischen Beharren und Veränderung, zwischen dem geistigen Sperrgut der Vormoderne, das in den Köpfen fortwirkt, und unserem frei flottierenden Fin de siécle, das Wertkonflikte und Moralprobleme aufwirft, ohne sie zu lösen.

Seine Geschichten aus dem Bürgertum (Süd-) Europas lesen sich gebildet, lebens- und redegewandt, kosmopolitisch. Seine Romanwelten sind komplizierte Verweissysteme, kunstvoll konstruiert und wahrnehmungsscharf entworfen: ausgetüftelte literarische Echokammern mit langem Nachhall im Gedächtnis des Lesers; raffinierte Spiegelkabinette, in denen die Motive einander reflektieren und die Stilmittel sich verschränken. In diesen Parallelwelten ist alles künstlich, vor allem der Realismus.

"In der Literatur ist Realismus völlig nutzlos", sagt Javier Marías in seiner Junggesellenwohnung, halb Bücherhöhle, halb Videothek, vis-à-vis dem Rathaus in der City von Madrid, "die Realität wird von der Literatur geformt und bestimmt. Die Realität wird fiktionalisiert, denn die Fiktion ist stärker als die Realität. Vielleicht ist die Fiktion die letzte Zuflucht der Erinnerung. Don Quijote ist wirklicher als jede Spanienchronik des 17. Jahrhunderts." Von Don Quijote läßt sich lernen, daß die Wirklichkeit eine imaginäre Größe ist und von der Einbildungskraft verwandelt werden kann wie die Windmühlen in riesige Ritter und die Dorf-Dulcineas in Edeldamen.

Daß es sich bei "Morgen in der Schlacht ..." um einen Gespensterroman handelt, darauf deutet schon der Shakespeare-Titel. Es sind die Toten, die als Nachtmahre wiederkehren und den Träumer mit ihren Flüchen schwächen. Vor der Schlacht drücken sie König Richard dem Dritten als Alp auf die Seele und kaufen ihm die Schneid ab: "Morgen in der Schlacht denk an mich, da ich sterblich war; es falle dein Schwert ohne Schneide, es falle rostig deine Lanze; möge ich Blei sein in deiner Brust; verzag und stirb."

Wir leben nicht mehr im Mittelalter. In Shakespeares Rosenkriegen tobte noch, bunt und blutig, das krasse Zeter und Mordio und peccavi. Da kostete die nächtliche Heimsuchung den Mörderkönig prompt Kopf und Kragen und Krone - und Pferd und Königreich noch dazu.

Heute geht es verstohlener zu mit dem Hauen und Stechen und Bereuen. Im urbanen Milieu des spanischen Bürgertums, dem vornehmlichen Tummelplatz des Erzählers Javier Marías, sind Schuld und Sühne nicht mehr die Sache ächzender Alpträume und dröhnenden Ritterblechs.

Heute tritt das schlechte Gewissen nicht mehr geharnischt auf. Es sickert unmerklich ins Bewußtsein, als Skrupel und Schlafstörung, es äußert sich als einsames Zappen durchs nächtliche Fernsehprogramm, als anonymes Frauengeheul auf einem Anrufbeantworter. Und wenn Frauen durch Tod abgehen, wird Absolution beiläufig erteilt, bei Whisky und Eis, von Mann zu Mann. Wie in der Chaostheorie zeitigen winzige Ursachen hier horrende Folgen dort: In einem Londoner Hotel wird ein Telephonat aus Madrid nicht durchgestellt - und ein Ehemann, der nicht erfährt, daß er Witwer geworden ist und wieder heiraten könnte, treibt seine Geliebte, die seine Ehe bedroht, in den Tod.

Nur einer steht außerhalb solcher Verstrickungen, weil alle verworrenen Fäden bei ihm zusammenlaufen: der spanische König, bei Marías umschrieben mit einem Kranz von Übernamen - Solus, der Einzige und Alleinige, Only the Lonely. Marías macht sich über ihn lustig, mit allem Respekt. Sein Solus ist ein Fürst von Ehre und Gewissen, wenn auch mit ewigen Heftpflastern an den ungeschickten Fingern, mit einer Schwäche für zerfransende Rhetorik und einem Hang zu sonderbaren Frühstücksgewohnheiten. Majestät lieben es, Ihr Müsli zu "fletcherisieren", also bis zur Verflüssigung zu zerkauen. Vor allem sein Auftritt vor der Geschichte macht dem Einzigen Sorge: Wie andere Staatschefs auch wünscht er sich Reden mit Ruck, und Ghostwriter, die sie ihm ruck, zuck schreiben.

Wenn der Alleinige zu monologisieren anhebt, dann beginnt aus seinen Grübeleien über die tragische Folgenschwere allen Handelns die schiere Farce zu kichern. Die Königsaudienz ist eine humoristische Bravourleistung Javier Marías' - und das genaue ironische Gegenstück zum entgleisenden, weil falsch übersetzten Gipfelgespräch der Regierungschefs Thatcher/González in "Mein Herz so weiß".

Nicht nur daran lassen sich die beiden Shakespeare-Romane von Marías als zusammengehörig erkennen wie zwei Tafeln eines Diptychons - korrespondierend, doch einander nicht imitierend. Beide beginnen mit dem unerklärlichen Tod einer jungen Frau und enden mit dem vorsätzlichen Mord an einer andern. Beide spielen mit den gleichen Motiven und operieren mit den gleichen Strukturprinzipien. Beide sind Ehe- und Familienromane und handeln von den leisen Fiaskos und den blutigen Debakeln in den Beziehungen zwischen Mann und Frau, den Täuschungen und Selbsttäuschungen in der Liebe, den Mühseligkeiten, Ungewißheiten und komplexen Waghalsigkeiten beim heutigen Versuch, eine Ehe zu führen. Beide erzählen von Verdacht, Betrug und Verrat in bürgerlichen Verhältnissen.

Und nicht zufällig sind die Helden beider Bücher Leute vom gleichen Schlag. Die Erzähler beider Romane sind Menschen ohne eigene Stimme, ohne Wurzeln und ohne Identitätsnachweis - unzugehörig, extraterritorial, mit vielsagenden Berufen.

In "Mein Herz so weiß" ist der Held Konferenzdolmetscher - das Simultanübersetzen ist ihm zur zweiten Natur geworden. Er ist ganz Ohr, er spricht fließend, aber er hat keinen eigenen Ton, und der Text ist nicht der seine. Er ist Übertragungsexperte für fremde Texte, die nicht für seine Ohren bestimmt sind. Und der Protagonist von "Morgen in der Schlacht ...", der Schattengatte im fremden Ehebett, das zum Totenbett wird, ist Ghostwriter von Beruf - also jemand, der seine eigene Persönlichkeit auslöscht, indem er sich zum Sprachrohr für andere macht, beispielsweise den König.

Lauter Kommunikationstechniker demnach - Übersetzungsgeister, Leute von fragwürdiger Identität, die als Individuen hinter ihrer Transfer-Aufgabe verschwinden. Sie sind Agenten des Austauschs, ihre Individualität entweicht im Akt der Übertragung. Sie sind die Lauscher an der Wand, die die Schande anderer zu hören bekommen, sie sind Wortführer des Inauthentischen, die anderen die Sprache leihen und sich im Funktionieren reibungslos auflösen. Geistschreiber. Geistlauscher. Geistsprecher.

Wo alles private Sprechen belauscht und mißverstanden, wo der Hörer zum Horcher gemacht werden kann, dort wird aus jedem Menschen der Dolmetscher seines Nächsten. Indem er die intimsten Formen und Räume von Kommunikation erkundet, den familiären Verkehr, das Gespräch der Liebenden, bringt Marías einen paradoxen Typus der Gegenwart zum Vorschein - die unpersönliche Persönlichkeit, den modernen Schlemihl, den Menschen als Übersetzungsproblem seiner selbst.

In einem Europa der Übersetzungen den Begriff der Verständigung literarisch zu erproben - ein lohnenderes Vorhaben für einen weltneugierigen Autor ist kaum denkbar. Wo das Mißverstehen jede Kommunikation gefährdet, wird die Übersetzung zur Verständigungsfalle und die Semantik der Liebe zum Erkenntnisproblem. Kein Wunder, daß der Ghostwriter in "Morgen in der Schlacht ..." die eigene Exfrau nicht wiedererkennt. Er ist außerstande zu klären, ob die Straßendirne, die er sich ins Auto geladen hat, tatsächlich seine Geschiedene ist oder ob sie ihr nur ähnelt. Er verfällt auf die beklemmendsten Echtheitsproben, alle enden im Ungewissen. Von Liebe ist nicht die Rede.

Daß die Liebe "weitgehend auf ihrer Vorwegnahme und auf ihrer Erinnerung gründet" - diesen Verdacht hat Javier Marías schon vor zehn Jahren geäußert. Sein kleiner Roman "Der Gefühlsmensch" verstand sich als "Liebesgeschichte, in der die Liebe weder sichtbar ist noch lebt, sondern angekündigt und erinnert wird".

Nicht mit der trivialen Unmittelbarkeit der Liebe, mit ihrer unaufschiebbaren Dringlichkeit, hält sich dieser Autor auf. Ihn interessiert das fiktive Reich der Gefühle, die imaginäre Dimension der Liebe, in der vorwegnehmenden, ankündigenden Sehnsucht und in der nachhallenden Erinnerung. Im Noch-nicht und im Nicht-mehr der Liebe liegt für ihn ihr wahres Erzähltempus: das Futur exakt des Gefühls, die zukünftige Vergangenheit und vergangene Vorzukunft der Imagination. In diesem schillernden Tempus läßt sich die Liebe, die noch nicht besessen wird oder bereits verloren ist, am besten erzählen: "Ich werde geliebt haben." Zukunft und Vergangenheit werden imaginär umspielt. Und die Gegenwart? Die Gegenwart bleibt ausgespart.

Mitarbeit und Übersetzung: Georg Pichler

Lieferbare Bücher von Javier Marías:

Der Gefühlsmensch, Roman; Piper Verlag, München 1992; Taschenbuchausgabe in der Serie Piper, München 1997
Mein Herz so weiß, Roman; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1996
Alle Seelen, Roman; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1997
Morgen in der Schlacht denk an mich, Roman; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1998; 44,- DM. Die ersten drei Bücher sind von Elke Wehr aus dem Spanischen übersetzt, das letzte von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn.

 
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