Wundersame Bildervermehrung

Wer war Émile Schuffenecker? Die verwirrende Geschichte der Van-Gogh-Fälschungen von Matthias Arnold

Für den Rekordpreis von rund 72 Millionen Mark wurde 1987 im Londoner Auktionshaus Christie's ein Kunstwerk versteigert, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Fälschung ist: das sogenannte "Sonnenblumen"-Bild von Vincent van Gogh. Christie's und seine Mitarbeiter, die Equipe des Amsterdamer Van-Gogh-Museums und nicht zuletzt der Käufer des Gemäldes, die japanische Versicherungsgesellschaft Yasuda, haben bislang noch jeden Echtheitszweifel zurückgewiesen. Was offiziell verlautete, klingt eher nach Schadensbegrenzungsmaßnahmen. Man will nun alle drei "Sonnenblumen"-Fassungen in einer Ausstellung zeigen und bei der Untersuchung sogar "externe Experten" einbeziehen.

Nimmt man sich heute, bei wachsendem Zweifel an der Echtheit des Yasuda-Bildes, die 1987 erschienenen Van-Gogh-Dokumentationen von Christie's vor, so fallen eklatante Fehler und Unterlassungen auf, die vor der Versteigerung begangen wurden. So mußte das renommierte Auktionshaus nach der Versteigerung seine Angaben über die Provenienz des "Sonnenblumen"-Bildes entscheidend korrigieren: Als ersten sicher nachweisbaren Besitzer des Werkes reichte man den Maler und Freund Paul Gauguins, Émile Schuffenecker, gleichsam nach. Und hatte damit eine der gefährlichsten Provenienzen, die man sich für ein van Gogh zugeschriebenes Bild vorstellen kann, genannt.

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Die schlampige Arbeit eines berühmten Auktionshauses

Mehr noch: Der Auktionskatalog 1987 verliert kein Wort darüber, ob überhaupt eine Expertise (der Einreicher) vorlag oder (vom Versteigerer) in Auftrag gegeben wurde. Wollte sich Christie's die riesigen Kosten für die fachmännische Begutachtung eines Bildes dieser absoluten Spitzenpreisklasse ersparen? Bei den Yasuda-"Sonnenblumen" hätte das Expertisen-Honorar mehrere Millionen Mark betragen. Das offensichtliche Fehlen einer fundierten Expertise macht sich denn auch im Katalogtext allenthalben bemerkbar. So heißt es beispielsweise, nach Erwähnung von van Goghs Zusammenbruch zum Jahresende 1888: "Kurz darauf, im Januar 1889, wurde das vorliegende Bild gemalt." Das Yasuda-Bild. Eine frei erfundene Geschichte. Zum einen wäre es selbstverständlich denkbar, daß van Gogh ein solches Bild noch in den drei nachfolgenden Arleser Monaten gemacht hätte, also bevor er seinem Bruder Theo Ende April 1889 die vier signierten und brieflich von ihm dokumentierten authentischen "Sonnenblumen"-Versionen schickte. Aber es ist ja durch nichts belegt, daß van Gogh überhaupt noch eine fünfte Fassung jenes Sujets malte.

Eines aber findet sich in demselben Katalog unter den Versteigerungsbedingungen geradezu erwartungsgemäß abgedruckt: Christie's garantiert nur für die Frist von fünf Jahren für die Echtheit eines von ihm versteigerten Kunstwerkes. Über zehn Jahre sind seit der Auktion vergangen.

Formaljuristisch wäre Christie's somit nicht zu belangen.

Lange schien es so, daß Van-Gogh-Fälschungen erst deutlich nach 1900 entstanden sein konnten, da von dieser Zeit an und dann vollends nach dem Ersten Weltkrieg die Preise für Bilder des Holländers deutlich anstiegen.

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