Es war einmal eine Kibbuzbewegung. Sie glaubte an das Prinzip der Gleichheit, an das kollektive Eigentum, an den Aufbau einer nationalen Heimstätte durch die Beackerung des Bodens. Ihre Mitglieder galten als die Elite des Landes. Golda Me'r, Schimon Peres, Levi Eschkol, Teddy Kollek zählten dazu.

Heute leben in den 283 verbliebenen Kibbuzim noch 2,8 Prozent der israelischen Bevölkerung. Überall hat man begonnen, das ursprüngliche System zu reformieren. Was bleibt vom egalitären Ideal, wenn die Prinzipien aufgegeben werden? Schaar Hagolan und Massada sind zwei benachbarte Kibbuzim im Jordantal. Vor sechzig Jahren wurden sie gegründet, auf ganz unterschiedliche Weise versuchen sie heute, sich den neuen Anforderungen anzupassen.

Die 400 Mitglieder von Schaar Hagolan (Das Tor zum Golan) haben sich kürzlich entschieden, Computerkärtchen für die Benutzung des Speisesaals einzuführen. Seitdem ißt jeder auf eigene Kosten. Vorbei die Zeiten, da man Gäste einfach so mitbringen konnte.

Nurit Katziry, die mit achtzehn in den Kibbuz ging, lebt schon länger als dreißig Jahre in Schaar Hagolan. Sie leitet das Gästehaus. Es könne sein, denkt sie laut, daß sich einer nur dann für das Ganze verantwortlich fühle, wenn er die Konsequenzen seines Verhaltens spüre. Seit man den kostenlosen Stromverbrauch limitiert hat, läßt keiner mehr die Klimaanlage laufen, wenn er aus dem Haus geht.

Anders als den meisten Kibbuzim geht es Schaar Hagolan finanziell gut, dank der genossenschaftseigenen Plastikfabrik, die rund um die Uhr Röhren für den Export produziert. Zwar gibt es noch Kühe und Hühner im Kibbuz, zwar werden noch Bananen, Datteln und Wassermelonen angebaut, doch nur noch ein kleiner Teil des Gesamteinkommens stammt aus der Landwirtschaft. 43 Millionen Mark im Jahr, umgerechnet, erwirtschaftet die Golan Plastic Products, 6 Millionen bringt der Verkauf von Agrarprodukten ein. Lohnarbeiter sind in der Fabrik längst in der Überzahl.

Nurit zeigt stolz auf das Herz des Kibbuz, eine sattgrüne Wiese mit Bänken unter Palmen. Rundherum kleine Häuser, in denen früher einmal das Babyzentrum, der Kindergarten und die Vorschule untergebracht waren. "In Krisenzeiten wollte man die Jüngsten im geschützten Inneren sicher aufgehoben wissen." Nurit erinnert an die Aufgabe der Kibbuzim, die Grenzen des Landes zu sichern. Weil der Nachwuchs ausbleibt, sind aus den Stätten der Kinder inzwischen Büros oder Bibliotheken geworden.

Daß vier von fünf jungen Leuten von hier weggehen, wenn sie ihre - in der Regel vom Kibbuz finanzierte - Ausbildung abgeschlossen haben, macht ihr große Sorgen. "Wer wird noch dasein, wenn ich einmal alt bin?" Die meisten Mitglieder sind heute zwischen 45 und 55 Jahre alt; ein Drittel ist älter als 60. Auch Nurits vier Kinder wollen weg. Eine der Töchter hat ihr erklärt, wenn sie viel arbeite, dann wolle sie auch ein Auto und eine eigene Wohnung haben. Der Kibbuz kann ihr das nicht bieten.