Chile unter Pinochet
Im Herbst 1970 wählten die Chilenen den Sozialisten Salvador Allende zum Präsidenten von Chile. Im Vergleich zu Castro war er gemäßigt, doch stieß seine Politik der Verstaatlichung auf den großen Widerstand der konservativen Kräfte. Am 11. September 1973 putschte der Armeegeneral Augusto Pinochet gegen den Präsidenten und ließ dessen Amtssitz bombardieren. Nach stundenlangen Kämpfen beging Salvador Allende Selbstmord.
Vor allem in den ersten Jahren regierte Pinochet Chile mit Terror. Wer gegen sein Regime war, wurde verhaftet, gefoltert, ermordet. Es war die Zeit der Angst. Nach offiziellen Zahlen sind 3200 Menschen ums Leben gekommen. Viele Chilenen gingen ins Exil.
Die Wirtschaft ließ Pinochet von den sogenannten Chicago Boys umbauen, Schülern des Monetaristen Milton Friedman. Staatsbetriebe wurden verkauft, Sozialleistungen gestrichen. Der große Aufschwung blieb jedoch vorerst aus.
Erst seit Mitte der achtziger Jahre trägt die neoliberale Wirtschaftspolitik Früchte.
Am 5. Oktober 1988 ließ Pinochet die Chilenen darüber abstimmen, ob sie die Demokratie wollen. Die Mehrheit entschied sich zu seiner Überraschung dafür.
Er beugte sich aber Volkes Stimme und übergab das Land im März 1990 dem demokratisch gewählten Präsidenten Patricio Aylwin. Pinochet wurde Generalstabschef.
Chile heute
Das Land gilt als bevormundete Demokratie. Die Regierung des christdemokratischen Präsidenten Eduardo Frei kann über die innere und äußere Sicherheit nur eingeschränkt bestimmen. Oberaufseher des Staates ist Pinochet.
Sein Einfluß ist immer noch groß genug, um zu verhindern, daß die Greuel der Diktatur vollständig aufgeklärt und geahndet werden. Nur einer der Folterer sitzt im Gefängnis, Osvaldo Romo, der auch Marcia Merino gequält hat.
Pinochet muß bis zum 11. März als Chef des Generalstabes zurücktreten. Zwar wird sein Einfluß abnehmen, doch bleibt er die graue Eminenz im Hintergrund, da er sich einen Posten als Senator auf Lebenszeit gesichert hat.
Gegen ihn wurden jüngst zwei Anzeigen erstattet, wegen Völkermords und wegen eines Mordkomplotts gegen Allende. Ein Urteil hat er allerdings nicht zu fürchten, da er selbst politische Straftaten unter Amnestie gestellt hat.
Mit ihrer Vergangenheit beschäftigen sich die allermeisten Chilenen ohnehin nur wenig. Der Soziologe Tomas Moulián, der gerade einen Bestseller zur Lage in Chile geschrieben hat, wirft seinen Landsleuten vor, sich fast nur ums Geldverdienen zu kümmern.
Das ganze Land ist stark auf Wettbewerb getrimmt. Nicht nur in der Wirtschaft herrscht das Konkurrenzprinzip, auch in Bereichen wie Bildung und Wissenschaft. Den Bürgern bringt der pure Neoliberalismus einen relativ hohen Lebensstandard, aber auch Streß. In Chile soll es den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Beruhigungsmitteln geben.
- Datum 05.02.1998 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07/1998
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