Chile unter PinochetSeite 2/2
Das Land gilt als bevormundete Demokratie. Die Regierung des christdemokratischen Präsidenten Eduardo Frei kann über die innere und äußere Sicherheit nur eingeschränkt bestimmen. Oberaufseher des Staates ist Pinochet.
Sein Einfluß ist immer noch groß genug, um zu verhindern, daß die Greuel der Diktatur vollständig aufgeklärt und geahndet werden. Nur einer der Folterer sitzt im Gefängnis, Osvaldo Romo, der auch Marcia Merino gequält hat.
Pinochet muß bis zum 11. März als Chef des Generalstabes zurücktreten. Zwar wird sein Einfluß abnehmen, doch bleibt er die graue Eminenz im Hintergrund, da er sich einen Posten als Senator auf Lebenszeit gesichert hat.
Gegen ihn wurden jüngst zwei Anzeigen erstattet, wegen Völkermords und wegen eines Mordkomplotts gegen Allende. Ein Urteil hat er allerdings nicht zu fürchten, da er selbst politische Straftaten unter Amnestie gestellt hat.
Mit ihrer Vergangenheit beschäftigen sich die allermeisten Chilenen ohnehin nur wenig. Der Soziologe Tomas Moulián, der gerade einen Bestseller zur Lage in Chile geschrieben hat, wirft seinen Landsleuten vor, sich fast nur ums Geldverdienen zu kümmern.
Das ganze Land ist stark auf Wettbewerb getrimmt. Nicht nur in der Wirtschaft herrscht das Konkurrenzprinzip, auch in Bereichen wie Bildung und Wissenschaft. Den Bürgern bringt der pure Neoliberalismus einen relativ hohen Lebensstandard, aber auch Streß. In Chile soll es den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Beruhigungsmitteln geben.
- Datum 05.02.1998 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07/1998
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