1. Er war ein Dissident - des Bürgertums, aus dem der Sprößling des Augsburger Papierfabrikdirektors Berthold Friedrich Brecht, also "Sohn wohlhabender Leute", früh schon ausscherte "zu den geringen Leuten", ein spindeldürrer und von Kind an herzkranker Bohemien, der Frank Wedekind verehrte (sein erster, im Zweiten Weltkrieg gefallener Sohn hieß Frank) und gern mit seinen zur Klampfe gesungenen frechen Liedern Karl Valentin nachahmte; doch schon als Schüler wollte er mehr sein als ein Balladensänger von Schmuddelkind-Obszönitäten und kesser Kratzer am Gesellschaftslack der Satten: Er sah sich als "Verräter - ihrer Anschläge", und so meldete sich bereits der siebzehnjährige Gymnasiast Eugen Berthold Friedrich Brecht zu Wort mit seiner von Ernst Busch unvergeßlich interpretierten "Legende vom toten Soldaten": "Sie malten auf sein Leichenhemd / Die Farben Schwarz-Weiß-Rot / Und trugen's vor ihm her; man sah / Vor Farben nicht mehr den Kot."

2. Er war ein Liebender - aus Angst vor dem Dunkel dieser Welt ("Warum seid ihr nicht im Schoß eurer Mütter geblieben"), vor Abgrund, Riß und Fremdsein, floh der von Herzflimmern Geplagte, von Lebenszittern Gejagte, von nie zu sättigender Gier Gefolterte zu den Frauen, bei denen er Erfüllung nicht, aber Geborgenheit suchte und in deren Schutz - auch im Schutz der Erinnerung an sie: "Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer" - er seine schönsten Gedichte schrieb: "Schwächen" nannte er eines, das der Frau zugedacht (oder geraubt) ist, deren Niederkunft er in schockierender Abwehr mit "Ruth wird operiert" notiert, und das in drei Zeilen einen Kosmos bannt: "Du hattest keine / Ich hatte eine: / Ich liebte." Und das doch nur ein in künstlicher Kühle verhallender Hilferuf dessen ist, der ängstlich hofft.

3. Er war ein Bittender - um Gnade wohl nicht, aber um Gerechtigkeit in der von ihm zur Perfektion getriebenen artistischen "So wie man sich bettet, so liegt man"-Verdrehung, die ja ein Vorführakt ist der sozialen Gnadenlosigkeit, vom Eis, in das wir alle gebahrt sind und das er zu schmelzen suchte mit dem oft noch glühenden Metall seiner Worte: Wenn die "Mutter Courage" an der Tochter rügt, "Die leidet an Mitleid", dann ist das derselbe Gestus, wie wir ihn kennen aus dem Gedicht "O Falladah, die du hangest"; das in seiner Schwäche zusammengebrochene Pferd - "Und ich lebte überhaupt noch und war gar nicht fertig mit dem Sterben" -, aus dem die hungernden Menschen sich mit Messern Fleisch herausfetzen, schreit nicht auf in Wut und Qual und Haß; es hat vielmehr Mitleid mit der abgesunkenen Kreatur - "einst mir freundlich und mir so feindlich heute", es fragt, "was war mit ihnen geschehen?"

4Er war ein Räuber - der die Arbeitsnester anderer ausplünderte und sich mit pausbackiger Pennälerdreistigkeit unter dem Diebesmotto der "grundsätzlichen Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums" fremde Früchte so unverfroren unter den Nagel riß, daß schon Kurt Tucholsky mokant fragte: "Das Stück ist von Bertolt Brecht - von wem also ist das Stück?"; die Kulturgeschichte ist wahrlich reich an Übernahmen: Allein die langfingrige Perfidie, mit der Brecht seine Mitarbeiter "auslöschte" - Günther Weisenborn bei der "Mutter", Hella Wuolijoki beim "Puntila" oder Elisabeth Hauptmann bei der "Dreigroschenoper" -, ist schon ein starkes Mackie-Messer-Stück.

5. Er war ein Revolutionär - der die Umkehr des Unten nach oben in herrlich gemeißelten Sentenzen forderte: im Kopf; in der Praxis hielt der ein Leben lang Parteilose, der noch vor dem Committee for Un-American Activities in radebrechendem Englisch aalglatt sich zum Nichtkommunisten zusammenlog, es eher mit dem "Ich nehme" seiner Azdak-Figur - ein Auto für Reklameverse nehmend, einen österreichischen Paß für Loyalitätserklärungen nehmend, ein eigenes Theater für bußfertige (von den DDR-Zensoren geforderte) Textänderungen nehmend, den von Thomas Mann nobel zurückgewiesenen Stalin-Preis nehmend, während er (unpubliziert, natürlich) über die panzerbewehrten Angstgenossen des 17. Juni spottete: "Wäre es da / nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?"

6. Er war ein Dialektiker - der, vermutlich das Proustsche Absagetelegramm "KOMMEN UNMÖGLICH STOP LÜGE FOLGT" kennend, spinnwebfeine Denkspiele entwarf, deren Fängen, glorios in der Konsequenz seiner Inkonsequenz, er sich bitter lächelnd entzog; Autor jenes Lehrstücks von der "Maßnahme", in dem mit seiner weihevollen Billigung nach dem Willen der Partei ein Genosse ermordet wird und das er gleichwohl selber verbot; Trauernder um die Gefährten Tretjakow oder Carola Neher, verschwunden in jenen Moskauer Prozessen, über deren Opfer und ihre beteuerte Unschuld er mit jenem "Umso schlimmer für die Angeklagten" sophistisch sinnierte, das wohl anstand einem, der als listig sich begriff: "In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen."

7. Er war ein Tragiker - Dramatiker, von epochalem Format, ohnehin -, der seine Verszeilen "Unwissende! Schrie ich / Schuldbewußt!" sein kurzes Leben lang paraphrasierte und sich zugleich im berühmten "Kleinen Organon" emphatisch gegen rein deklamatorisches Vorzeigetheater bäumte; das häufigst benutzte Wort in diesem theoretischen Text ist "Unterhaltung": "Denn die leichteste Weise der Existenz ist in der Kunst."