Der Euro kommt zu früh, meinen 155 deutsche Professoren und fordern, die Währungsunion zu verschieben. "Zu spät für den Bammel", schreibt die Financial Times. Zu Recht: Der Euro wird Anfang 1999 die nationalen Währungen ablösen. Eine Verschiebung ist im Vertrag von Maastricht nicht vorgesehen. Kein EU-Staat fordert sie, im Gegenteil: Mit Volldampf wird die Gründung der Europäischen Zentralbank vorbereitet, die unmittelbar nach dem Euro-Gipfel im Mai aus der Taufe gehoben werden soll. Die voraussichtlichen Euro-Mitglieder streiten schon vehement darüber, wer im Direktorium der EZB vertreten sein darf (siehe unten). Die Währungsunion ist nicht mehr Zukunft, sondern handfeste europäische Wirklichkeit.

Ein Teil der Kritik hat sich längst erledigt

Die Initiatoren des Aufrufes glauben wohl selber nicht, daß eine Verschiebung noch denkbar ist. Manfred J. M. Neumann von der Uni Bonn sagt, die "Minimumwirkung" werde sein, daß "die Währungsunion nicht mit elf Ländern beginnt". Mit anderen Worten: Italien soll draußen gehalten werden. Ob es einen größeren Effekt gebe, wisse er nicht. Seine Kollegin Renate Ohr von der Uni Hohenheim meint ebenfalls, es sei "nicht unbedingt damit zu rechnen, daß die Währungsunion nun verschoben wird".

Ungewollt demonstrieren die Autoren der Erklärung, die schon 1992 ein ähnliches Manifest veröffentlicht haben, wieviel von ihrer Kritik sich erledigt hat: Damals warnten sie, die EZB werde Preisstabilität nicht durchsetzen, weil die nationalen Interessen der Entscheidungsträger zu unterschiedlich seien; zudem gebe es keinen Konsens über stabile Preise in Europa. All diese Vorbehalte hat man im neuen Text still und leise fallenlassen. Der Würzburger Ökonomieprofessor Peter Bofinger, im vergangenen August einer der Initiatoren des Aufrufes von 58 Wirtschaftswissenschaftlern für den pünktlichen Euro-Start, findet es bemerkenswert, daß sich die Autoren zu diesen Aussagen "offenbar nicht mehr durchringen konnten". Renate Ohr hält dagegen, daß sie und ihre Mitstreiter nicht alle Punkte aus der Erklärung von 1992 wiederholen wollten, räumt aber ein, daß es in der Tat "albern wirken würde, wenn wir heute sagten, daß Inflation drohe". Das aber ist der entscheidende Punkt: Unmittelbar vor Einführung des Euro sind die Aussichten für stabilen Geldwert so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Sind dagegen die Mahnungen der Professoren, die öffentlichen Haushalte seien derart halbherzig konsolidiert worden, daß eine Verschiebung des Euro unabdingbar sei, ernst zu nehmen? Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat berechnet, daß im Durchschnitt der EU das konjunkturbereinigte öffentliche Defizit von fünf Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung in 1991 auf zwei Prozent in 1997 gesunken ist. Diese Entwicklung wird auch nicht durch das Argument entkräftet, alle Länder hätten bei der Defizitberechnung mit kreativer Buchführung gearbeitet, ja getrickst. Renate Ohr meint, es lasse sich schwer berechnen, welches Ausmaß diese statistischen Kunstgriffe hätten. Sie schätzt sie auf maximal 0,5 Prozent. Selbst wenn man diesen Höchstwert ansetzt, ist also unbestreitbar, daß die öffentlichen Defizite effektiv halbiert worden sind.

Unterschwellig versuchen die Befürworter einer Verschiebung, die Arbeitslosigkeit und die Flexibilität der Arbeitsmärkte zu neuen Kriterien für die Währungsunion zu machen. Abgesehen davon, daß nicht jeder interessierte Experte oder Laie den Vertrag nach seinem Geschmack verändern kann: Es ist keineswegs ausgemacht, daß die Arbeitsmärkte in Zukunft stärkere Erschütterungen ausgleichen müssen. Gerade die überholte Währungsvielfalt in der EU und die damit verbundenen Währungsturbulenzen haben in der Vergangenheit zu Verwerfungen geführt, die letztlich die Arbeitsmärkte auffangen mußten.

In der Bundesrepublik zerstörte die Aufwertung der Mark die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte und führte zu mehr Arbeitslosen, während Länder, deren Währungen abwertungsverdächtig waren, durch hohe Zinsen um ihre Wachstums- und Beschäftigungschancen gebracht wurden. Daher flexible Wechselkurse als eine Art Universalschlüssel anzusehen, der sich millimetergenau handhaben läßt, ist ein rührend naiver Glaube, den die europäischen Währungskrisen von 1992, 1993 und 1995 mit ihren verheerenden Beschäftigungswirkungen widerlegt haben.