Die Revolution ist unser aller Erbe

Der Deutsche Bundestag hat gute Gründe, die Ereignisse von 1848 zu feiern von Rudolf Scharping

Bonn

Ein strahlendes Ereignis war die Revolution von 1848/49 im Bewußtsein der Deutschen nie. Die einen diskreditierten sie als "Verrat der Bourgeoisie am Proletariat", die anderen als "roten Abgrund". Als "Schicksalsjahr der Nation", als Beginn des deutschen Sonderweges von Bismarck über Wilhelm II.

bis hin zu Hitler, hat mancher das Ereignis zu Unrecht bezeichnet. Zwar ist die Revolution, gemessen an ihren eigenen ehrgeizigen Zielen, gescheitert, doch blieb sie für unsere Demokratie nicht folgenlos. An ihr Erbe sollte und wird auch der Deutsche Bundestag erinnern. Auf Betreiben der SPD-Bundestagsfraktion werden die Abgeordneten im Mai des ersten Parlaments aller Deutschen gedenken. Dafür gibt es gute Gründe.

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Erstens: Was sich im Frühjahr 1848 ereignete, war ein europaweiter Aufbruch der Völker zur Freiheit. Er ging von Frankreich aus, das große Werk der Französischen Revolution zu vollenden. Gegen den monarchistischen Obrigkeitsstaat sollten Menschen- und Bürgerrechte durchgesetzt werden.

Liberale und Demokraten forderten nationale Einheit und politische Freiheiten - in Paris und in Wien, in Ungarn und Polen, Böhmen und Mähren, Baden und Frankfurt und auch in Berlin. Wenn 150 Jahre später Europa enger zusammenrücken will, muß dies ein Europa des Volkes sein. Verankert in den Herzen der Menschen, getragen durch mächtige Parlamente und eine gemeinsame Verfassung. Dieser demokratischen Tradition sollte sich versichern, wer heute politische Verantwortung trägt.

Zweitens: 1848 war die Geburtsstunde der deutschen Demokratie. Auf dem Verfassungswerk des Frankfurter Parlamentes beruhen die Grundrechte der Weimarer Verfassung und des Grundgesetzes. Auch der Bundestag gründet auf dem Fundament der Nationalversammlung der Paulskirche. Zu dieser Verfassungstradition sollte er sich bekennen.

Drittens: Die Debatte um die Verfassung stiftete ein gemeinsames nationales Bewußtsein. Einerseits erwies sich Nationalität im Europa von 1848 als friedensstörendes Prinzip, das zu intolerantem, militantem und expansivem Nationalismus führte. Andererseits wirkte die Idee der Nation hoffnungsstiftend. Sie zielte darauf, die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu einem freien Gemeinwesen zusammenzuführen. An diese Traditionslinie sollten wir anknüpfen, wenn wir heute, über die Nation hinaus, die Menschen für die europäische Idee begeistern wollen.

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