Vierzig Jahre rowohlts monographien und ein Anlaß, die Gläser auf ihren Begründer, Galeristen und jahrzehntelangen Betreuer zu heben, nur über die Wahl der zur Feier des Tages auszuschenkenden Tropfens wäre vielleicht noch ein Wörtchen zu reden, und was läge da eigentlich näher, als sie aus Kurt Kusenbergs poetischer Privatdestillerie zu beziehen. Das spirituell-spirituös angehauchte Bild stellt sich mir nicht von ungefähr ein. "Wein auf Lebenszeit" heißt eines seiner gehaltvollsten und geheimnisvollsten Stücke, aber darüber reden wir lieber zu fortgeschrittener Stunde, ich meine, nachdem wir zunächst einmal unser Gedächtnis entkorkt und uns erinnert haben: Kurt Kusenberg, einer der amüsantesten, betörendsten und hintersinnigsten Geschichtenerzähler der fünfziger, sechziger, siebziger Jahre, kaum zu fassen, daß sich der gute Name nahezu verflüchtigt hat.

Das scheint als Auftakt zu einer Würdigung nicht gerade eine Empfehlung. Aber was lange liegt, kann mit den Jahren beträchtlich an Charakter und Delikatesse gewinnen. "Unzeitgemäß", das war so ein Attribut, das sich Kusenbergs scheinbar randständigen Miniaturen über Jahre hin ein bißchen fatal an die Fersen geheftet hat. Aber wie "Unzeitgemäße Betrachtungen" erfahrungsgemäß dazu neigen, zu gegebener Zeit an den Krisennerv von nachgewachsenen Generationen zu rühren, so auch unzeitgemäße Gedichte oder Geschichten, und wenn ich mich selbst mal als literarisches Aräometer in die Gehaltsdebatte einmischen darf, scheinen mir die Sterne für eine Neuentdeckung nicht ungünstig zu stehen.

Zeit, ihn wiederzuentdecken. Es darf gelacht werden

Nun hat sich das allgemeine Lachniveau mit den Jahren und dem Niederwitzbetrieb in den Medien zwar nicht unbedingt verfeinert. Andrerseits - man soll nicht zu heikel sein und bei jedem öffentlich abgesetzten Koprolithen gleich die Apokalypse beschwören - haben sich mit Woody Allens Filmen und Vicco von Bülows Bühnensketchen und dem Zugriff der "Zweiten Frankfurter Schule" auf neue Bastionen der Hochkomik doch wieder neue Arten zu lachen, zu schmunzeln, zu grinsen und hintersinnig zu feixen herangebildet, die der humoristisch grotesken Literatur zugute kommen können.

Kurz, die Zeit für Wiedergeburt und Apotheose scheint mir reif, und weil sich mir auch nach dem fünften oder sechsten Durchgang nicht der mindeste Abrieb bei diesem Autor bemerkbar machen will, steh' ich nicht an, hier den Vortrompeter zu machen.

Ich kannte Kusenberg seit den frühen fünfziger Jahren - wenn auch noch nicht als lebendige Person und schon gar nicht als bedeutenden Geschichtenerzähler, sondern als einen irgendwie einflußreichen Namen im Rowohlt Verlag - nur daß die Götter vor eine mögliche Befreundung zunächst einmal ein leidiges Befremden gesetzt hatten. Eine studentische Hilfskraft (weiblich) hatte dem Rowohlt-Lektor Wolfgang Weyrauch meine Jünglingsgedichte zugespielt, Weyrauch auch gleich den genügenden Gefallen daran gefunden, um ein positives Gutachten zu verfassen und das Konvolütchen zum Gegenlesen an Kusenberg weiterzureichen. Das Resultat, mit dem ich schneller als postwendend bekannt gemacht wurde, war dann freilich von jener niederschmetternden Art, daß wir Kusenberg in unserem kleinen "Pestbeulen"-Zirkel (so der Name unseres Studentenkabaretts) hinfort nur noch Musenzwerg nannten: "Auch Rühmkorf ist - wie Celan - ein Halbdichter, bei dem es nicht ganz zulangt. Ab und zu ein gelungener Vers, eine gute Metapher oder gar eine gelungene Strophe, aber davor und dahinter steht Schwächeres, und nie wird der geistige Bogen eines Gedichtes ganz ausgewölbt. Der Mann ist nicht begabt und nicht diszipliniert genug, als daß man ihn einen Lyriker von Rang nennen könnte. Gedichte, die man drucken muß, sehen anders aus."

Mit dieser unvorteilhaften Einschätzung einerseits und der klüglich geheimgehaltenen Kenntnis zum andern begegneten wir uns Ende der Fünfziger dann im Rowohlt Verlag als Kollegen, und wann immer sich unsere Pfade in dem verwinkelten Gängesystem des Hauses schnitten oder berührten, neigten sich unsere Köpfe mit einer gewissen vergifteten Höflichkeit wider einander, und schon war jeder für sich in seinem Arbeitskabuff verschwunden.