Dreizehn Fragen an Vladimir Sorokin von Durs Grünbein

1. Frage: Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte und Rußland wäre vollständig unterworfen und eingemeindet - was glaubst du, würdest du heute tun?

Sorokin: Ich wäre ein wandernder Musikant. An geraden Tagen würde ich auf dem Akkordeon spielen und Hits von Hans Albers singen, an ungeraden würde ich auf der Balalaika spielen und russische Volksweisen vortragen. Ich denke, in der Folge würden sich mir viele russische Literaten anschließen und unser Orchester "Die neue Ordnung" erfreute sich einiger Popularität auf dem okkupierten Territorium.

2. Frage: Viele deiner Bücher übersetzen Ideologien in magische Praktiken, politische Herrschaft in die Geschichte sexueller Verstrickungen. Wie würdest du das Verhältnis von Rußland und Deutschland in ritueller und sexueller Hinsicht beschreiben?

Sorokin: Deutschland und Rußland sind zwei Liebende. Ihre periodischen Kriege und anschließenden Versöhnungsphasen künden von langwährenden und leidenschaftlichen Beziehungen. Doch das Hauptproblem dieses Paares ist die Unmöglichkeit des Orgasmus: Rußland ist viel zu groß für Deutschland; das kruppstahlharte teutonische Glied verliert sich in den unermeßlichen Weiten der russischen Vagina. Dies ruft bei den Partnern Verstimmung hervor. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs veranschaulicht es trefflich. Zu jener Zeit war Leningrad der Kopf des russischen kollektiven Körpers, Kiew das Herz, Moskau die Vagina und Stalingrad der Anus. Rußland gab sich Deutschland damals ohne Zögern hin und überließ ihm Kiew praktisch kampflos. Die deutschen Truppen erreichten Moskau zügig. Meine Heimat lag auf dem Rücken und spreizte ergeben die Beine in bebender Erwartung. Doch unversehens richtete Hitler den Hauptangriff nicht gegen Moskau, sondern gegen Stalingrad, in der Hoffnung, im engeren Anus den ersehnten Orgasmus zu bekommen. Natürlich rief eine derartige "Perversion" im bäuerlichen Rußland eine ungeheuer aggressive Reaktion hervor. Kaum waren die deutschen Truppen in Stalingrad eingezogen, faßte Rußland den Geliebten an der Kehle und begann ihn zu würgen. Darauf drängte Rußland ihn gen Westen zurück, nahm die Keule und ... Was weiter geschah, weißt du.

3. Frage: Auf wessen Seite stehst du in der alten russischen Fehde zwischen Slawophilen und Westlern?

Sorokin: Wenn ich in Rußland lebe, fühle ich mich als Westler. Mich ärgern russische Wesenszüge wie Kollektivismus, Fatalismus und Mystizismus. Doch kaum befinde ich mich im Westen, werde ich unverzüglich zum Slawophilen. Mich verstören der westliche Pragmatismus, Egoismus und Atheismus. Mir kommen russische Lieder, Gedichte, Kochrezepte, die russischen Weiten und Kirchen in den Sinn. Doch sobald ich die Grenze überschreite und der russische Offizier meinen Paß nimmt und mir in die Augen schaut, erstirbt der Slawophile in mir auf der Stelle, und alles beginnt wieder von vorn.