4. Frage: Der russische Dichter Vladimir Nabokov sagte, sein Antrieb zu schreiben sei die Verteidigung der eigenen Kindheit gegen den Bolschewismus. Hast du eine Mission?

Sorokin: Der Schriftsteller hat die Mission, sachkundig seine Phantasien niederzuschreiben.

5. Frage: Welche ist für dich die ungeheuerste Perversion?

Sorokin: Nach unserer blutigen Geburt, als man uns unter Stöhnen und Schreien in die Welt setzte, an den Beinen faßte, die Nabelschnur durchschnitt, wusch und in ein Laken einwickelte, ist es einfach sinnlos und heuchlerisch, über die Perversionen dieser Welt zu sprechen. In dieser Welt ist alles organisch und gleich groß: das morgendliche Rauschen des Laubes, Geiselerschießungen, die Herstellung von Möbeln, eine Atomexplosion, Political Correctness, holländische Tulpen, das Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe, die erste Liebe, Gaskammern, das Sammeln von Schmetterlingen, der Flug zum Mond, die Elefantenjagd, der Film "Der Terminator".

6. Frage: Ist Krankheit für dich Bedingung für Literatur - organische Störung also der Hintergrund aller Poesie?

Sorokin: Mit Literatur befassen sich Menschen, die durch Traumata und Erschütterungen in der Kindheit die Welt verloren haben und nun zurückbleiben, wie hinter einem abfahrenden Zug. In diesem Zug sitzen Leute mit gesunden Berufen: Tischler, Bankiers, Krankenschwestern, Fischer. Die Schriftsteller laufen ihr ganzes Leben lang hinter diesem Zug her in der Hoffnung, ihn einzuholen. Aber die Hoffnung trügt. Uns bleibt einzig, diesen Zug zu beschreiben, seine Waggons, Räder, den Rauch aus dem Schornstein, die Reisenden hinter den Fenstern. Und unser Los ist, so lange hinter ihm herzurennen, bis man auf den Gleisen zusammenbricht.

7. Frage: Welches, glaubst du, ist dein Defekt?