Sorokin: Bislang weiß ich das nicht. Es fällt mir schwer, etwas aus meinen Kindheitstraumata herauszufiltern. Für mich sind alle Defekte gleich. Zweifellos ist es für mich selbst schwierig, sie zu qualifizieren und interpretieren. Und mich an Psychoanalytiker zu wenden interessiert mich nicht.

8. Frage: Wer ist dir wichtiger beim Schreiben, die Lebenden oder die Toten?

Sorokin: Wenn ich mich an den Schreibtisch setze, stehen die russischen Schriftsteller aus ihren Gräbern auf und stellen sich mit grimmiger Miene hinter mich. Und je länger ich schreibe, desto grimmiger und düsterer werden sie. Im Rücken spüre ich ihre vollständige Mißbilligung. Ich höre, wie schwer Leo Tolstoj stöhnt, Dostojewskij Gebete murmelt, Lermontow böse mit den Zähnen knirscht, Tschechow leise weint und Puschkin murmelt: "Welch ein Schuft, ach, welch ein Schuft!" Wenn ich den Stift niederlege, verschwinden die Klassiker, und lebende Menschen treten herein, meine Zeitgenossen. Sie lesen das von mir Niedergeschriebene und reagieren wie die Klassiker: Sie seufzen schwer, knirschen mit den Zähnen, murmeln: "Dieser Schuft!" Daraus folgt, daß für den Schriftsteller, den Marginalen, die Toten ebenso wichtig sind wie die Lebenden.

9. Frage: Charles Darwin, Karl Marx, Sigmund Freud, Albert Einstein: Wird dein Schreiben in irgendeiner Form von ihren Theorien beeinflußt oder bedroht?

Sorokin: Zu den exakten Wissenschaften und den Fundamentaltheorien hatte ich immer ein gelassenes Verhältnis. Weder eine Fundamentaltheorie noch ein philosophisches System haben mein Bild von der Welt je verändert. Ich vertraue mehr den Künstlern als den Wissenschaftlern.

10. Frage: Welche Religion ist dir die liebste und warum?

Sorokin: Mit 25 Jahren wurde ich in einer orthodoxen Kirche getauft. Seither betrachte ich mich als orthodox gläubig, obgleich ich selten in die Kirche gehe. Leider.