11. Frage: Wenn du mit Stalin hättest vertraulich reden können, was hättest du ihm gefragt?

Sorokin: Stalin war ein schlechter Redner, ein mittelmäßiger Theoretiker, ein kleiner Mann mit einem pockennarbigen Gesicht und schlaffen Bewegungen. Aber er verfügte über eine kolossale innere Kraft, die den Willen eines jeden Menschen lähmen konnte. Sogar Churchill schreibt in seinen Memoiren, daß er, als Stalin während der Potsdamer Konferenz den Saal betrat, aufsprang wie ein Schüler vor seinem Lehrer. Ich würde versuchen, Stalin über das Wesen dieser Kraft zu befragen. Wann hat er sie in sich verspürt? Hat er sie als Gabe erkannt? Besaß er sie von Kindheit an, oder trug etwas dazu bei, daß er sie erwarb? Womit wäre sie zu vergleichen? Bemerkte er diese Kraft noch in jemand anderem? Und wenn ja, in wem?

12. Frage: Falls es sie gibt, welches ist für dich die wichtigste politische Idee?

Sorokin: Die Politik in Reinform ist unerträglich langweilig. Zum Glück habe ich sie immer nur durch das vielfarbige Prisma der Kunst betrachtet. Da treffen sich beispielsweise Jelzin und Kohl, sie kommen einander entgegen, um sich die Hände zu schütteln. Ich sehe, wie ein grauer Findling und ein weißer Kohlkopf auf dem teppichbelegten Weg aufeinander zurollen. Und der Laut, mit dem sie zusammenstoßen - das ist die Musik des neuen politischen Denkens. Oder nehmen wir unseren Alexander Lebed. Ich sehe ihn oft in Gestalt eines Skythen mit einer Keule, welcher auf dem gehäuteten Bären Rußland reitet. Wenn ein Mensch mit diesem Gesicht der Präsident Rußlands würde, wäre ich glücklich. Dann würden wir alle eine fesselnde Reise in die Bronzezeit antreten.

13. Frage: Was ist für dich Schönheit?

Sorokin: Bis heute begreife ich nicht, was das ist. Einerseits ist Schönheit Harmonie, andererseits die stechende Mahnung, an den Tod zu denken. Jedesmal, wenn ich wirklicher Schönheit begegne, erweckt sie in mir ein inneres Lachen, übergehend in Schluchzen. Das begann mit dem dritten Lebensjahr, als ich auf dem Flugplatz ein aufsteigendes Flugzeug erblickte. Ein zutiefst beunruhigendes Gefühl.

Aus dem Russischen von Barbara Lehmann