Dreizehn Fragen an Durs Grünbein von Vladimir Sorokin

1. Frage: Wann in deinem Leben hast du die größte Angst empfunden?

Grünbein: Als ich an einem ruhigen Sommernachmittag vor acht Jahren im Amsterdamer Rotlichtviertel von zwei Dealern überfallen wurde. Die Szene war deshalb unheimlich - und das Unheimliche ist für mich Quell der Angst -, weil einer der beiden, ein hinkender Puertoricaner, mir anfangs ganz harmlos erschien. Ich hatte ihn nach einem Mädchen gefragt, das uns ein paarmal mit Stoff versorgt hatte, und er wollte mir zeigen, wo sie sich gerade den Freiern anbot. Plötzlich, in einer beschaulichen Seitenstraße, lauerte mir sein Kompagnon auf, ein hektischer, quasselnder, nervös gestikulierender Mann aus Surinam, und aus Scherz wurde unvermittelt bitterer Ernst. Ich weiß noch, daß ich den Satz "Show him your gun!" mehrmals zu hören bekam, dann drängten sie mich in eine Ecke und nahmen mir alles Geld ab, das ich bei mir trug. Am Anfang hatte ich noch gelacht und ihnen auf deutsch flotte Sprüche zugerufen, zum Schluß stand ich mit zitternden Knien an einer Hauswand, eine Hosentasche war zerrissen, meine Hand blutete, und von der Schläfe lief mir die Spucke, die einer der beiden Ganoven mir beim Abgang ins Gesicht gerotzt hatte.

2. Frage: Wann hat man dir das letzte Mal ins Gesicht geschlagen?

Grünbein: 1980 in Polen, ein Jahr vor Verhängung des Kriegsrechts und der folgenden Reisesperre, auf der polnischen Seite von Görlitz, wohin ich mit einem Freund zum Kauf von Rock-'n'-Roll-Schallplatten gepilgert war. Der Anlaß war eine verwickelte Geldtauschaktion in einem Hinterhof. Es ging darum, ostdeutsche Mark in Zloty umzutauschen und dabei einen Taschenspielertrick zu parieren. Als die polnischen Geschäftspartner, zwei Herren mittleren Alters, merkten, daß wir ihren uralten Trick durchschaut hatten, gab es kein Pardon mehr, und ich bekam die Faust des einen zu spüren. Besonders demütigend war, daß der Schlag mich an die Ohrfeigen in meiner Kindheit erinnerte.

3. Frage: Was ist für dich schlechte Literatur?

Grünbein: Schlechte Literatur hat keine Stimme, sie weiß nichts von den krummen Wanderwegen der Seele, sie ist taub und bleibt an der Außenseite des Alphabets kleben. Dabei ist sie nicht sofort von guter Literatur zu unterscheiden, man erkennt sie erst nach und nach, zuletzt jedoch immer daran, daß in ihr das Wort einfach nur Wort bleibt, ein toter semantischer Balg. Nach vorsichtiger Schätzung sind etwa neunzig Prozent alles Geschriebenen und täglich Publizierten schlechte Literatur, und ich meine damit nicht Schund oder Trivialliteratur.