Planet Speersort: Grübeleien eines Slumbewohners

Jäher Schmerz beim Zeitung-Lesen: mein Bezirk ein aschgrauer Fleck im sozialstatistischen Schaubild der Stadt. In Kreuzberg, zwei Haltestellen vom künftigen Machtzentrum des Landes entfernt, hat heute jeder zweite ausländische Jugendliche und jeder dritte einheimische Jugendliche keine Arbeit. Peinlich zu sehen, daß mein Stadtteil sich unheilvoll schwärend unter dem künftigen Regierungsviertel breitmacht, eine Problemzone im Körperschema Berlins.

Das Schaubild sagt: Am Stadtrand oder draußen in Brandenburg mag man so etwas hinnehmen, aber nicht bei einem Bezirk, der bald schon im inneren Dunstkreis der Macht liegen wird - wenn erst die Bonner Berlin in Betrieb genommen haben. Die Bonner wollen nicht hierher. Was Wunder, denke ich, sie lesen auch die Zeitung. Schlaue Makler haben sich derweil schon auf ländliche Eigenheime verlegt. Selbst Kreuzbergs grüne Aufsteiger, liest man, machen sich ins Umland davon, der "Verslumung" wegen.

Anzeige

Ich gehöre zu dieser alternativen Mittelschicht, so ungern ich es mir eingestehe. Seit Wochen esse ich Vollwertkost, klammheimlich, doch mit Genuß. Ich liebe Kreuzberg. Ich will hier nicht weg. Andererseits: Seit ich das Schaubild kenne, schäme ich mich meines Bezirks. So also ist es, ein Slumbewohner zu sein? Du wohnst im Herzen der Finsternis, flüstert das Diagramm. Ich fühle mich aschgrau wie die Sozialstatistik.

Wenn ich schnellen Trost brauche, muß ich herumlaufen und mir etwas kaufen. In meinem Block ist für die unwahrscheinlichsten Vorlieben gesorgt. Ein Laden namens Tir Ná Nóg in der Parallelstraße bietet "irische und keltische Musik" feil. Ein rätselhaftes Geschäft namens Pothead lockt mit hanfverherrlichenden T-Shirts. Die Sekte Universelles Leben ruft zum "Treffen aller Gottsucher" in ihr neues Lokal. Am Chamissoplatz hat ein Laden für teure südafrikanische Weine eröffnet, nebenan eine Umweltfahrschule und ein Fachhandel für teuren Grappa und Aceto Balsamico. In "Barcomi's" amerikanischem Café sitzen Kunststudenten im Tillmanns-Look; sie essen Bagels und Brownies zum direktimportierten, selbstgerösteten Kaffee aus Papua-Neuguinea. Ihre Haare haben sie bei den Pauls Sisters oder, gleich um die Ecke, bei Medusa richten lassen. Gegenüber, in der "Kreuzberger Molle", verzehrt das einheimische Subproletariat wie eh und je Buletten zu Tiefstpreisen. Vor der Markthalle versammeln sich balkanische Herren ohne Zähne, am Abend werden sie betrunken sein. Der Nachbar, der früher mit Thermoskanne aus dem Haus ging, hört jetzt tagsüber Schlager. Im nahen Park lassen türkische Jungs ihre Messer blitzen. Der Spielplatz ist mit Flaschen übersät.

Es ist trotzdem schwer zu sagen, ob diese Gegend verfällt oder ob sie gerade einen waghalsigen Anfang macht. Kreuzberg verkommt, die Diagramme haben Recht; zugleich ist es immer noch ein Ort der Improvisation. Die Qualität der Hauptstadt wird sich daran bemessen, wie viele solcher unentschiedenen Orte sie dulden kann. Ich werde nicht aufs Land ziehen: Vorerst werde ich mir ein paar Maßschuhe machen lassen, in diesem neuen Geschäft da hinten am alten Wasserturm.

 
Service