Sisi für Österreich, hundert Jahre danach
Fast eine Dichterin, fast eine Sozialistin
Kaiserinnen tätowieren, ein Unfug - "eine furchtbare Überraschung", äußerte sich Franz Joseph, als er erfuhr, daß Sisi, auf einer Reise durch die Ägäis, in einem durchaus unstandesgemäßen Hafenlokal sich einen Anker auf die Schulter hatte tätowieren lassen (1888, da war sie immerhin schon 51 Jahre alt).
Franz Josephs "furchtbare Überraschung" beruhte auf Unkenntnis mediterraner Bräuche. Nicht wenige Frauen von Seeleuten ließen sich tätowieren, und alle Männer sowieso. Die Grenze zwischen den Geschlechtern konnte die liberale Kaiserin spielerisch überschreiten.
Die Weltgeschichte ist ein Tätowier-Shop. Die Historiker arbeiten mit unsterilen Nadeln, sie brennen den Personnagen Ehren- und Schandmale ein, die sich als schwer entfernbar erweisen. Man kann von der Weltgeschichte gar keine zu geringe Meinung haben, sie wird von der Wirklichkeit immer noch unterboten.
"Zu toll wird endlich mir der Spaß,
Und nichts mehr soll mich hindern,
Ich drehe eine lange Nas
Und zeig allen den Hintern."
So reimte Kaiserin Elisabeth von Österreich zuhanden der sie malträtierenden Weltgeschichte, freilich heimlich. Sisis Gedichte blieben bis lange nach ihrem Tod unter striktem Verschluß, und selbst unter diesem schrieb sie ihren sehr schönen Hintern nur "H.....n", mit fünf Punkten.
Zu toll wird uns der Spaß des Jahres 1998: Kaiserin Sisi wurde vor hundert Jahren erdolcht und Bertolt Brecht im selben Jahr geboren. O Gott, das ganze Jahr wird Brecht täglich gefeiert von allen Fortschrittlern und Sisi täglich von den österreichischen Tourismusmanagern.
So wickle denn auch du, mein glückliches Österreich, deinen Dolch rechtzeitig aus dem Gewande und stoße zu. Der Angeklagte verantwortet sich wie folgt, träumte mir:
"Hohes Gericht, ich bin voll geständig. Ich bin 43 Jahre alt, ein aufstrebender Manager, in Spitzenposition tätig für Österreichs Fremdenverkehr, welcher bekanntlich darniederliegt. So kam ich auf die Idee, ihm aufzuhelfen, indem ich nächtlich in die Kapuzinergruft eindrang, begleitet von einigen patriotischen Biotechnikern. Wir durchbohrten Sisis Zinnsarg und holten uns genügend genetisches Material, um sie zu klonen."
Ein glückliches Lächeln glomm über die Züge von Österreichs oberstem Fremdenverkehrschef. "Wir haben eine Methode, mit der das Klonen blitzschnell geht. Die geklonte Sisi verbrachten wir in ein Versteck in den österreichischen Alpen, die sie so gern bestieg. Auch sonst organisierten wir alles für ihren triumphalen Einzug in Brüssel als österreichische Ratspräsidentin, welche Funktion 1998 fällig ist für unser Land. Ich weiß, mit dem Klonen verstießen wir gegen ein Gesetz, aber wir taten es für Österreich und seinen Fremdenverkehr."
Niedrigere Motive als diese waren dem Angeklagten nicht nachzuweisen, er kam mit einer symbolischen Geldstrafe davon, träumte mir. Österreichs Fremdenverkehr aber explodierte.
Je moderner unser Leben wird, desto nötiger wird uns die Vergangenheit, natürlich in sorgsamer Auswahl. Wir schämen uns zu sagen: Wir brauchen Trost, also sagen wir: Sisi ist doch eine sehr moderne Frau, keine Operettenfigur, sondern fast eine Philosophin, fast eine Dichterin, fast eine Feministin, fast eine Sozialistin.
Jedenfalls: Republikanerin, Monarchie und Adel verachtend. Freidenkerin, naturfromm, von Kirche und Dogma hält sie nichts. Pazifistin, ihren Sohn Rudolf befreit sie von der Erziehung durch militärische Dinosaurier. Am höchsten aber steht Sisi als Ironikerin. Sie liebte Heinrich Heine und hielt alle ihre Gedichte für von ihm ihr "diktiert". Sie war, außer alledem und noch einigem, auch Spiritistin.
"Immer doch beim Morgengrauen
An's Herz gedrückt noch warm,
Mußt ich mit Entsetzen schauen
Den Eselskopf im Arm.
Ja, du schienst mit deinem grauen
Haupte immer ganz und gar
Einem Esel gleichzuschauen,
Ähnlich bis aufs kleinste Haar."
Sisis Strophen sind eindeutig: Sie sah Franz Joseph als Esel. Sich selber sah sie als Feenkönigin Titania, den Kaiser in liebenswürdigen Momenten als Oberon, aber sonst eben als Esel.
Shakespeares "Sommernachtstraum" kannte sie auswendig. Ihren jungen griechischen Vorleser, der in ihrer Hermes-Villa im Tiergarten Wien-Lainz ein Zimmer innehatte, fragte sie: "Haben Sie das Bild in Ihrem Zimmer nicht gesehen - Titania mit dem Eselskopf? Das ist der Eselskopf unserer Illusionen, den wir unaufhörlich liebkosen. Ich habe in jedem Schloß ein solches Bild: ich kann mich daran nicht satt sehen."
Elfenkaiserin, mit Esel zu Bette. Aber sie lag fast nie mit Franz Joseph zu Bett. Ihre Appartements waren weit voneinander entfernt. Überhaupt waren sie selten unter einem Dach. Sisi war eine reichlich dialektische Natur:
In ihrem Privatmythos vom Kaiser als Esel steckt auch der Esel als Kaiser: Sie sah Franz Joseph als ihr weit unterlegen an Intelligenz und Bildung. Andererseits liebte sie diesen ihren Esel, wenngleich lieber aus der Ferne als neben ihr im Bett. "Er war ein Vollblut-Eselein" ist ihr wohlwollendes Urteil.
"Schließlich war er ein lieber Schatz
Trotz alle dem Gefrett.
Drum hat er auch den Ehrenplatz
In meinem Kabinett."
Elisabeth nannte sich "Frau Ritter Blaubart", die ihr Gruselkabinett mit "Eselshäuten" tapeziert. Mit dem wienerischen "Gefrett" meinte sie all die Scherereien, die es zwischen ihr und Franz Joseph lebenslänglich gab. Sie war sich ihrer Liebe zu ihm gewiß und erst recht seiner Liebe zu ihr.
Seine Liebe war viel größer als die ihre, er war darin rührend hilflos und anhänglich. Sein Liebesunglück war primitiver, aber tiefer als ihr Lebensunglück, das durch Romantik, Ironie, Melancholie sublimiert schien.
Elisabeth galt als schweigsam, aber sie hinterließ 600 Seiten mit Gedichten. Die Leichtigkeit, mit der sie dahindichtete, hat ihren literarischen Ruf dauerhaft beschädigt. Aber es finden sich immer wieder Passagen mit Tiefgang, Witz und echtem Gefühl, das ins Leserherz schneidet.
Ach, Sisi ist eigentlich doch recht gut. Zum Beispiel auf deutsch "wie wär's" englisch "upstairs" zu reimen, halte ich für dichterisches Talent. Sisi, in einem sehr freien Gedicht über ihren Flirt mit dem Prinzen von Wales (sie waren Cousine und Cousin):
"Wir saßen im Drawing room beisammen,
Er rückte sehr nahe und nahm meine Hand
Und lispelte: ,Dear cousin, wie wär's'
Ich lachte von Herzen und drohte:
,There is somebody coming upstairs!'
Wir lauschten, es war aber nichts,
Und weiter ging das Spiel.
Ich wehrte mich nicht, es war interessant,
Ich lachte: ,Dear cousin, wie wär's?'
Da ward er verlegen und flüsterte leis
,There is somebody coming upstairs!'"
Das haben modernistische Monarchinnen so an sich, daß sie unzufrieden sind mit ihren regierenden Männern und mit dem Leben überhaupt. Was sie rettet, ist das Dichten, sei es gut oder schlecht: Von ihrer Namensvetterin Elisabeth, Königin von Rumänien, mit Dichternamen Carmen Sylva, hatte Elisabeth, Kaiserin von Österreich, den Anstoß bekommen, Reime zu schmieden.
Die Rumänin, in Wahrheit eine deutsche Prinzessin von und zu Wied, mopste sich in Bukarest ganz fürchterlich an der Seite des Königs Carol, in Wahrheit ein Hohenzollern-Prinz. Er war sterbenslangweilig wie Sisis Franz Joseph, aber als Preuße tüchtiger im Regieren.
Wie Sisi Franz Josephs Regierungskunst einschätzte, geht aus ihren folgenden Spottversen hervor:
"Ich war heut Nacht ein Kaiser,
Doch freilich nur im Traum
Dazu auch noch ein weiser,
Wie's solchen gibt wohl kaum.
That schön den Russen, Preussen,
Galt's meines Landes Wohl,
Ja, auf den Kopf sie scheissen
Ließ ich mir demutsvoll."
Sisi schreibt "sch.....n" mit fünf Punkten, aber es zeigt doch ihr bayerisches Kraftgemüt. Sie hatte in München als junges Mädchen viel Freiheit, zum Unterschied vom späteren Leben in der Wiener "Kerker-Burg", so nannte sie's, wo sie zur Verzweiflung getrieben wurde.
Sisis eigentliche "Rumanian Connection" läuft nicht über die deutsch-romantische Carmen Sylva, sondern über einen echten Rumänen und Philosophen der Verzweiflung, Emil Cioran, gebürtig aus dem damals habsburgischen Siebenbürgen. Cioran und Sisi trafen einander nie, aber aus einem Gespräch mit Cioran, knapp vor seinem Tod (1995), weiß man, daß er sie leidenschaftlich verehrte und (ein Stück rumänischer Galanterie) für philosophisch ebenbürtig hielt. Im Gespräch mit seiner Übersetzerin (er schrieb zumeist französisch) Verena von der Heyden-Rynsch erweist sich Cioran als verblüffend genauer Kenner Sisis. Er zitiert, was er die vier Kernsätze ihrer Philosophie nennt, und in der Tat sind diese meilenweit entfernt von Operette und Musical:
"Der Wahnsinn ist wahrer als das Leben."
"Der Todesgedanke reinigt wie ein Gärtner, der das Unkraut jätet ... Deshalb halte ich den Schirm oder Fächer vor meinem Gesicht, damit er ungestört gärtnern kann."
"Die Sterne sind schimmernde ferne Leichen."
"Die wahren Tränen kann man nicht weinen, und die man weint, verrinnen alle umsonst."
Cioran hatte den Instinkt für das unter Kitsch verborgene Talent der Kaiserin zur Philosophie. Aber auch Franz Joseph, der Lederne, hatte seinen eigenen Humor für Sisis Philosophie. Er nannte, was sie dachte, recht treffend "Wolkenkraxeleien".
In Elisabeth kocht, weit voraus ihrer Zeit, eine Mischung aus Feminismus und Sadomasochismus. Nicht nur ist sie für alles, was Frauen in ihrem Fortkommen fördert, überdies ist sie Franz Josephs Domina und er ihr Liebessklave. Bis das Spiel beiden zu dumm wird. Das war dann das Ende ihrer Liebe überhaupt, beiderseits.
Elisabeth war gut abgeschirmt durch höfische Moralwächter, und besser noch durch sich selbst. Einige junge Verehrer fanden dennoch Wege zu ihr.
"Besitzest du den kecken Mut,
Mich jemals zu erreichen?
Dich tödtet meine kalte Glut
Ich tanze gern auf Leichen.
In meiner schönen Mache
Verzapple dich zu Tod.
Ich schaue zu und lache
Von jetzt bis Morgenrot."
Franz Joseph ging's nicht besser als den jungen Motten. Domina Sisi beginnt ihre Briefe an ihn mit der Anrede "Mein Kleiner". Spiegelbildlich unterschreibt der Kaiser seine Briefe mit "Dein armer Kleiner", "Dein einsames Männchen", "Dein Männeken".
Sisi schrieb ziemlich unverhüllt Sadomaso: "Du gehst mir recht ab, mein Kleiner, die letzten Tage hatte ich Dich wieder so nett gezogen. Nun muß ich wieder von vorne mit der Erziehung anfangen." Sie nannte das Demütigungsspiel "extinction du roi" (Auslöschung des Königs).
Solange es währte, war es beiden schön, gewiß schöner als Normalsex, der selten stattfand (immerhin für drei Kinder reichte). In der Realität war, unbeschadet der erotischen Intelligenz Sisis, der Kaiser stärker, einbetoniert in seinen Hofstaat und den machistischen Zeitgeist. Sisi fühlte sich zeitlebens frustriert und benachteiligt. Die 600 Seiten Gedichte geben davon Zeugnis.
Nach Elisabeths Ermordung fand der Kaiser in einem Geheimfach ihres Schreibtisches eine verschlossene Kassette. "Der Kaiser wollte nicht hineinsehen", berichtete ein hoher Hofbeamter. (Später fand sich noch eine zweite Kassette; beide enthielten Sisis Gedichte.) "Die Kassette", lautete der Bericht, "behielt Fürst Rudolf Liechtenstein in Verwahrung. Der Schlüssel wurde in den Donaukanal geworfen."
Erst 1978 erlangte die Historikerin und Sisi-Spezialistin Brigitte Hamann Einsicht. Das Geheimnis der so lange und so wohl verborgenen Sisi-Gedichte löst sich auf eine Weise, die der Autorin - ob Künstlerin oder Kitschistin Ehre bringt: Gezwungen in eine Welt der Lüge, löst sie sich aus dieser durch Ehrlichkeit gegen sich selbst. Ihre Ehrlichkeit heißt Freiheit. Sie ist eine Liberale (wie ihr Sohn, Kronprinz Rudolf) nicht nur politisch. Sie ist eine Liberale der Liebe:
"Du ahntest nichts von meinen Schwingen.
Was Schwingen hat, ist niemals treu.
Nie läßt sich in den Käfig zwingen,
Und wär er golden auch, was frei.
Drum staune nicht, wenn beim Verrichten
Nach altem Patriarchenbrauch
Der legitimen Ehepflichten
Dich streift ein eisigkalter Hauch."
Elisabeth hatte Hoffnung auf den Tod. Zur Baronin Rothschild (sie war Sisis Seelenfreundin, der Baron Rothschild ihr Finanzberater) soll die Kaiserin gesagt haben: "Ich wollte, daß meine Seele in den Himmel entflieht durch eine ganz kleine Öffnung des Herzens."
Einen Tag später (am 10. September 1898) wird ihr Wunsch erfüllt durch den piemontesischen Anarchisten Luigi Lucheni, der am Ufer des Genfer Sees mit einer sehr spitzen Dreiecksfeile ein ganz kleines Loch in ihr Herz macht. Eigentlich wollte er den Herzog von Orléans erstechen, konnte ihn aber nicht finden. So nahm er Elisabeth.
Der Mörder stimmte im Todeswunsch mit dem Opfer überein. Er äußerte sogleich die Bitte, daß an ihm die Todesstrafe vollzogen werde. Der Wunsch wurde ihm nicht erfüllt. Nach elf Jahren Kerker erhängte er sich in der Zelle.
In keiner der folgenden Ansichten stimmte Sisi mit Franz Joseph überein, aber in jeder mit ihrem Mörder: daß eine soziale Republik die beste Regierungsform sei; daß der Krieg zu verurteilen; daß der Adel nichtsnutzig und daß dem Volk die Geduld mit seinen Ausbeutern schlecht bekomme.
Sisis Modernität liegt in der Mühelosigkeit, mit der Mörder und Opfer deckungsgleich sind. Genau dieses Thema wird zu einem Höhepunkt moderner Kunst, als - zehn Jahre nach Sisis Tod - Oskar Kokoschka seinem Frühwerk den Titel gibt: "Mörder Hoffnung der Frauen".
- Datum 05.03.1998 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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