Jacques Derrida, 1930 im algerischen El-Biar geboren und aufgewachsen, zählt zu den bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. Vor Interviews schreckt er zurück; die neuen medialen Bedingungen, ihre "Beschleunigung", will er nicht akzeptieren. Seit Jahren, sagt er, würden die Spielregeln der öffentliche Rede verändert, zum Nachteil der Intellektuellen. Wer Derrida Fragen stellt, bekommt dies zu spüren. Die Verständigung ist schwierig, die Skepsis groß. Derrida, unendlich skrupulös gegenüber jedem Wort, möchte verstanden werden, richtig verstanden, in all seinen Sprachgesten, allem Zögern, dem unaussprechlichen Zweifel gegen scheinbare Klarheit und einfache Lösungen. Die Korrespondenz erstreckt sich über Monate und wird zu einer Lektion in Genauigkeit. Derridas politische Interventionen klingen erstaunlich; für seine unberufenen Verehrer im postmodernen Milieu dürften sie eine Zumutung sein. Am Ende ist Derrida "unzufrieden" und akzeptiert die Druckfassung des Gesprächs nur als Kompromiß. Er bittet, den Lesern mitzuteilen, daß seine Formulierungen Ergebnis eines "schmerzhaften Experiments" sind - mit "Konzessionen" und "Transaktionen", bei denen viele Gedanken "reduziert wurden auf ihren einfachsten Ausdruck". DZ

Die Zeit: Monsieur Derrida, Sie haben sich als Philosoph immer politisch engagiert. Hat sich heute in Europa das Klima geändert? Können sich politische Intellektuelle ermutigt fühlen, nachdem sie lange durch eine posthistorische, auch zynische Haltung wie gelähmt schienen?

Jacques Derrida: Hatten die Intellektuellen wirklich den Mut verloren? Nein, es gibt nichts, was uns erlaubt, dieser Einschätzung zuzustimmen. In einem nie gekannten Rhythmus mußten die Intellektuellen im Lauf der vergangenen Jahrzehnte tiefgreifenden Veränderungen des öffentlichen Raumes Rechnung tragen. Im Bereich der Medien und der Teletechnologien sind die Bedingungen erschüttert worden, unter denen das Wort ergriffen werden konnte. Und zudem waren sie vielen politischen oder ökonomischen Ablenkungsversuchen ausgesetzt. Es bedurfte also im Gegenteil einiger Zivilcourage bei jedem verantwortlichen Bürger, um diese Entwicklungen zu analysieren. Die Intellektuellen mußten versuchen zu handeln - ohne in diese Fallen zu tappen. Und dies um so mehr, als einige der Intellektuellen bestrebt waren, die neuen medialen Kräfte zu ihrer persönlichen Vermarktung und Aufwertung auszunutzen. Nun, wenn sie dies im Kampf für gerechte Angelegenheiten taten, war die Solidarität mit ihnen häufig genauso schwer zu erbringen wie zu vermeiden. Nein, die Intellektuellen waren in allen Bereichen des öffentlichen Lebens sowohl in Europa als auch anderswo präsenter und aktiver, als es Ihre Frage zu unterstellen scheint. Sie waren es vor allem dort, wo die politischen oder die Regierungsinstanzen häufig durch alte Denk- und Handlungsweisen gelähmt waren.

Zeit: Zivilcourage als Tugend des Intellektuellen?

Derrida: Gewiß. Aber selbst wenn Zivilcourage eine Tugend ist und damit auch eine Tugend der Intellektuellen, so sehe ich darin nicht eine der spezifischen Eigenschaften, die einem Intellektuellen als solchem abverlangt werden können. Ein inkompetenter und unverantwortlicher Intellektueller kann eine verhängnisvolle Zivilcourage besitzen. Ich glaube auch nicht, daß alle Intellektuellen durch eine "mal posthistorische, mal zynische Haltung gelähmt" waren, wie Sie unterstellen. Aber es ist sehr schwer für mich, in wenigen Worten auf Ihre Frage zu antworten. Wir müßten uns zunächst darüber verständigen, was Sie hier unter Post-Histoire oder Zynismus verstehen. Ich würde gern gleichZeitig, wenn ich die Zeit und den Raum hätte, die übereilten Angleichungen in Frage stellen, die oft zu diesem Thema kursieren. Deshalb würde ich lieber aus Gründen der Zeit- und Raumersparnis mein Unwohlsein ein für allemal am Anfang dieses Gespräches artikulieren, um darauf später nicht mehr zurückkommen zu müssen. Mir geht es nämlich um die Bedingungen, die die Medien und die Öffentlichkeit den Intellektuellen bereitstellen, um das Wort zu ergreifen. Wenn ich zum Beispiel sage, daß ich mich weigere, in eine Debatte über Zynismus, Post-Histoire, Status des Intellektuellen und so weiter mit vier oder fünf Sätzen einzusteigen, wie es mir hier vorgeschlagen wird, wird man mir dann vorwerfen, mich in das Schweigen oder den Elitismus zu flüchten? Wäre es selbstgefällig, herablassend oder wenig journalistisch, auf veröffentlichte Texte, in denen ich all diese Fragen behandle, zu verweisen? Ich glaube, dies wäre die verantwortlichste Antwort. Sie könnte die historische Schwierigkeit illustrieren, auf die ich vorher anspielte. Es sind die Bedingungen des öffentlichen Redens, die sich verändern und die es zu verändern gilt; und mit ihnen die Figur des Intellektuellen in der Öffentlichkeit.

Zeit: In Ihrem Buch "Das andere Kap" entwerfen Sie ein großes europäisches Projekt. Aber ist Europa nicht längst eine transpolitische Firma für Warenverkehr?

Derrida: Dies ist in der Tat die Gefahr, auf die ich vorhin anspielte. Ökonomismus, Monetarismus, Leistungsanpassung an die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt - all dies geht häufig von kurzfristigen und angeblich wissenschaftlichen Analysen aus. Es scheint mir aber, daß man dem ein entschieden politisches Projekt entgegensetzen muß. Deshalb gibt es ja die Spannungen zwischen den verschiedenen europäischen Regierungen, aber auch zwischen den sozialen Kräften, die Europa bestimmen. Nun würde ich gern einige Präzisierungen anbringen, da Sie wünschen, daß wir von den Intellektuellen sprechen: Der notwendige Widerstand gegen Ökonomismus und Monetarismus sollte nicht die Form verteufelnder Beschwörungen oder magischer Proteste annehmen, die sich auf dem Hintergrund von Inkompetenz gegen eine "Euro" genannte Einheit oder böse, manipulierende Bankiers richten. Selbst wenn man nicht allem und jedem glauben kann, so sollte man die Zwänge der Marktgesetze nicht übersehen. Sie existieren, sie sind komplex, sie erfordern Analysen, mit denen selbst die institutionellen Experten nicht zu Rande kommen. Vielleicht sollten wir den aktuellen Dogmen des Liberalismus eine andere politische Logik, aber auch eine andere sozioökonomische Logik entgegensetzen. Eine, die informiert ist und beweisend vorgeht.