Kosovo - kein anderer Name ruft bei Serben derartige Emotionen hervor.

Intellektuelle besingen dieses Armenhaus aus ihren Belgrader Schreibstuben als Wiege des Serbentums. Politiker erklären dieses "Herz Serbiens" für unverzichtbar, so daß man seiner albanischen Bevölkerungsmehrheit nicht einmal kulturelle und politische Autonomie gewähren könne. Nirgends zeigt sich die destruktive Macht des historischen Erinnerns so wie beim Thema Kosovo. Sein Name ist gleichsam eine Abbreviatur für das, was in diffuser Rhetorik als "serbische Identität" bezeichnet wird. Im Kosovo, so heißt es, sei das Zentrum des mittelalterlichen Serbien gewesen, das unter seinem Zaren Dusan im 14. Jahrhundert zur "Großmacht" aufgestiegen war. Hier liege der Ursprung der serbischen Kultur, gleichsam die Wurzel der serbischen Nation.

Hier hätten die Serben nicht nur sich selbst, sondern auch die europäische Christenheit vor dem Islam zu verteidigen versucht, hier aber auch habe der serbische Staat an jenem 28. Juni 1389 in der Schlacht auf dem "Kosovo polje", dem Amselfeld, gegen die Armeen des türkischen Sultans für fünfhundert Jahre seinen Atem ausgehaucht.

"Größe" und "Tragik" der serbischen Geschichte werden in diesem einen Datum kodiert. Es wird immer wieder bemüht, um vermeintliche Schicksalsstunden der Geschichte wirkungsvoll in Szene zu setzen. Mit der Realität hat das alles, wie stets bei historischen Mythen, nur wenig zu tun. Der mittelalterliche Staat im Kosovo war nämlich eines gewiß nicht: ein serbischer Nationalstaat.

Er war ein Vielvölkerreich, dessen Herrscher nicht in nationalstaatlichen oder ethnischen Kategorien dachten, sondern in dynastischen - wie alle mittelalterlichen Herrscher. Nicht viel besser steht es um die Schlacht auf dem Amselfeld: Es gebe sowenig Primärquellen, daß zweifelhaft sei, ob sie überhaupt stattgefunden habe, hat einmal der angesehene Historiker Sima Cirkovic gesagt, einer der wenigen serbischen Wissenschaftler, die sich die professionelle Distanz zu ihrem Gegenstand bewahrt haben. Nicht "serbische" Heere kämpften hier gegen "türkische" oder gar gegen Albaner, wie Nationalisten bis heute glauben machen wollen. Serben und Albaner (wie auch Angehörige anderer Völker) standen vielmehr auf beiden Seiten der Frontlinie und in Diensten beider Kontrahenten. Nicht einmal der Ausgang der Schlacht ist klar, jedenfalls wissen die ältesten Quellen nichts von einer tragischen Niederlage der Serben zu berichten. Auch der serbische Staat fiel nicht auf dem Amselfeld. Er war schon lange vorher in eine Vielzahl von Teilfürstentümer zerfallen.

Legenden und Epen haben den Kosovo-Mythos in der Folgezeit über die Jahrhunderte ausgeschmückt und angereichert. Im 19. Jahrhundert entwickelte er sich zum "ideologischen Kitt", mit dem man die Nation zu schaffen suchte.

Ohne Einbeziehung des Kosovo war der Nationalstaat nun nicht mehr denkbar, und es störte nicht, daß das Kosovo durch serbische Ab- und albanische Zuwanderung längst von vielen Albanern besiedelt war. Der Entwurf eines serbischen Nationalprogramms, das der serbische Politiker Ilija Garasanin 1844 zur Maxime serbischer Politik machte, knüpfte am Kosovo-Mythos an und nutzte ihn für die Forderung nach einem Serbien, in dem sich "Gegenwart und Vergangenheit" verbinden sollten. Insbesondere der Balkan-Krieg 1912 wurde ganz im Zeichen der "Rückeroberung" des Kosovo geführt, und der Sieg über das Osmanische Reich als "Rache für Kosovo" gefeiert.