Der Briefwechsel zwischen Rahel Varnhagen und Pauline Wiesel vermittelt uns ein anschauliches Bild weiblichen Lebens im 19. Jahrhundert und läßt uns teilhaben an einer romantischen Lebensfreundschaft. Er beginnt im Frühjahr 1801 in Paris und endet mehr als dreißig Jahre später mit Rahel Varnhagens Tod.

Doch nicht Rahel, sondern Pauline steht im Mittelpunkt die meisten der 237 Briefe stammen von ihr. Im Sommer 1808 hat sie die preußische Hauptstadt endgültig verlassen und lebt mit ihrer Tochter hauptsächlich in der Schweiz und nach deren Tod wieder in Paris. Pauline ist es auch, die den Briefwechsel immer wieder neu belebt. Nie zuvor hat man ein so lebhaftes Bild von dieser Frau gewinnen können viele ihrer Briefe waren bisher unbekannt.

Pölle, wie Rahel sie oft nennt, schwatzt fröhlich oder flüstert melancholisch, erstaunt über die so sonderbare Welt, auch ein bißchen abergläubisch, manchmal drastisch schimpfend und bisweilen "rasend" übertreibend. Dativ oder Akkusativ, groß oder klein geschrieben - was kümmert das Pauline! Orthographie und die Grammatik hat sie sich selbst zurechtgeschneidert. Schöne, große Erdbeeren? Warum nicht so, wie es gesprochen wird: "Ärtbähren, dik und runt"? Was Rahels Freundin durch den Kopf geht, was sie denkt und tut, läßt sich auch ohne sklavische Befolgung gültiger Regeln sagen, allerdings nicht leicht verstehen: Paulines Briefe sollten laut gelesen werden.

Wer sich eingefunden hat in ihr vertracktes Deutsch, wird in Rahels Freundin ein Menschenkind erkennen, in dem Kindlichkeit und Lebensklugheit, das Naive und Frivole sich verbinden und das uns immer wieder lehrt, allem zu mißtrauen, was allein durch den Verstand zustande kommt, im jugendlichen Leichtsinn ein Geschenk der Götter zu erkennen und in der Liebe und Freundschaft Lebenssinn.

Pauline Wiesel liebt das Leben: gut Essen, Wein und viel Champagner, "frei Spazieren und Théater", sich anzuziehen wie eine Taube mit blauen Astern auf dem Hut. Sie liebt die Freiheit, schöne Menschen und viel Tralala mit den Verehrern. Ein Domherr, ein Kriegsrat und ein aus Rußland stammender sonderlicher Graf, Alexander von Humboldt und Friedrich Gentz, Prinz Louis Ferdinand sowie französische Besatzungsoffiziere - sie alle waren gleichermaßen hingerissen von diesem Erdgeist, dieser Kindsfrau, die sich sinnenfroh im Lotterbett mit Freund und Feind vergnügte.

Eher sachlich und zuweilen spöttisch-kühl berichtet Pölle ihrer Rahel, wenn ein neuer Liebhaber auftaucht oder ein alter sie besucht. Gleich welchen Alters, Titels, Standes - Männer bleiben in den Augen dieser Liebeskünstlerin komische Geschöpfe, die man so nehmen muß, wie sie sind, und von denen geliebt zu werden wichtiger ist, als sie zu lieben. Sonderlich imponieren können sie Pauline nicht. "Waß soll ich So viel Umstende machen mit den Kerls."

Und Rahel bewundert immer wieder Pölles Mut, unabhängig von dem Urteil anderer Menschen frei zu leben, wie es sonst nur Männer können.