Die Angst vorm Abstrakten

Barnett Newman - Portrait eines Künstlers aus zwei Publikationen

Man kann es Vandalismus nennen, aber es ist komplizierter. Vor einiger Zeit wurde Barnett Newmans Bild "Cathedra", das im Amsterdamer Stedelijk Museum hängt, mit einem Messer aufgeschlitzt. Der Täter hatte 1982 bereits in der Berliner Nationalgalerie Newmans Bild "Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau IV" attackiert. Ein Psychopath? Ja, aber das ist nicht die ganze Geschichte. Denn ein anderer Täter hatte sich 1992 an der Amsterdamer Variante "Wer hat Angst vor Gelb, Rot und Blau III" vergriffen. Um die Anschaffung des Berliner Bildes hatte es eine große Debatte gegeben.

Natürlich, weil es sehr, sehr viel Geld kostete. Aber nicht nur deshalb. Und während Dieter Honisch, der damalige Direktor der Nationalgalerie, in einer Pro-und-Contra-Debatte in art eine poetisch ekstatische Hymne auf das Bild schrieb, fand der Gegner lauter kühle, schnöde Wort der Ablehnung.

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Über die Frage, warum ausgerechnet Barnett Newman, auf dessen Bildern keine Häschen kopulieren, sondern die strengste, meist monochrome Ungegenständlichkeit herrscht, Aggressionen provoziert, konnte man im letzten Sommer wieder nachdenken, als zwischen den dorrenden Disteln und Videos von documenta, Biennale et cetera et cetera Armin Zweite eine umfassende Ausstellung der Bilder und Skulpturen von Newman zeigte. Mitten im ewig neureichen Düsseldorf die stumme Stimme der streng proportionierten Farbflächen und der nüchterne Ernst der monolithischen Stelen. Oder auch: das "horrend Abstrakte", von dem der Kunsthistoriker Robert Rosenblum gesprochen hat. Eine Herausforderung, die schwerer zu ertragen ist als das horrend Banale. Die Attacken auf Barnett Newman sind Vandalismus und ein bißchen mehr: Ikonoklasmus.

Für Armin Zweite war die Ausstellung der Grund zu einer Publikation, die den Anlaß (zu dem sie auch noch nicht erscheinen konnte) und die Dimension eines Katalogs weit hinter sich läßt. Seine gründlichen, umfassenden Interpretationen der einzelnen Werke und die inzwischen auch im Deutschen erschienenen Schriften von Barnett Newman fügen sich jetzt zum Portrait eines Künstlers, in dessen Werk alte Reichtümer und ein neuer Rigorismus so kühn wie pragmatisch zusammengekommen sind. Er war ein Kämpfer für sein lange verkanntes Werk, unnachgiebig in seinem Anspruch an sich und seine Kollegen.

"Fetisch und Ornament", so schrieb er, "sind blind und stumm und beeindrucken nur jene, die den Schrecken des eigenen Selbst nicht ertragen können. Das Selbst, schrecklich und konstant, ist für mich Gegenstand von Malerei und Skulptur ... Ich denke, ich habe mich von der Natur distanziert, aber nicht vom Leben."

Unter den Heroen der amerikanischen Moderne, die seit den vierziger Jahren in New York als bewußt und selbstbewußt amerikanische Künstler arbeiteten, war Newman, 1905 als Kind polnisch-russischer Juden geboren, ein Widerspruchsfall eigener Art. So stoisch verschlossen und emotionslos seine Bilder und seine Skulpturen scheinen, so unverhohlen leidenschaftlich und anschaulich sind seine Aufsätze, Polemiken, seine offenen oder privaten Briefe an Kritiker, Kollegen, Museumsdirektoren. Barnett Newman, der Schreiber, ist so eindrucksvoll, daß Zweite (zu Recht) glaubt, den hermetischen Künstler gegen die glänzenden Auftritte des Rhetorikers in Schutz nehmen zu müssen. Aber da Newman in seinen Schriften nicht nur die eigene Arbeit verteidigte, sondern auch einen grundsätzlichen Standpunkt vorzubringen hatte, sich gleichzeitig aber auch mit aufmerksamer Leidenschaft und Lust an Polemiken aller Arten in das Tagesgeschehen der Kunst einmischte, gehört der Schreiber auch zum Künstler. Und beide entzogen sich mit brillanter List dann wieder den Schlaumeiern: "Ästhetik ist für mich, was Ornithologie für die Vögel sein muß."

"Ein Künstler malt, damit er etwas zum Anschauen hat manchmal muß er schreiben, damit er auch etwas zum Lesen hat" - die Einsamkeit und das Selbstbewußtsein eines Künstlers, der jahrelang angefeindet wurde und nichts verkaufen konnte, und eines Intellektuellen, der den berühmten Kunsthistoriker Erwin Panofsky in einer gelehrten Druckfehlerdebatte über den Titel seines Bildes "Vir heroicus sublimis" in die Ecke trieb, werden hier aphoristisch deutlich. Barnett Newman, der auch im Zusammenhang mit einer Bewerbung um das Bürgermeisteramt in New York ein hervorragendes Erziehungsprogramm aufgestellt hatte und in späteren Jahren das Vorwort zu einer Autobiographie des Anarchisten Kropotkin schrieb, mußte nicht zuletzt deshalb zum Schreiber werden, weil er mit derselben Intensität, mit der er jedes Bild konzipierte, ausführte und korrigierte, das Tafelbild in seiner klassischen Funktion negierte. "Der Kampf gegen das Sujet ist der Beitrag des modernen Künstlers zur Welt des Denkens. Und dennoch kann der Künstler nicht malen ohne ein Sujet."

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