Dresden

Kurz nach der Wende fährt eine verheiratete Frau in den Vierzigern, unauffällig gekleidet, Leiterin eines kleinen Dresdner Versandhandels, mit dem Zug gen Westen, um erste Geschäftskontakte anzuknüpfen in dem Land, das wenige Wochen zuvor noch das kapitalistische Ausland war. An das Verkaufsgespräch mit ihrem Geschäftspartner in spe erinnert sich Hannelore Perner nur zu genau. Wie sie sich da gegenübergesessen und gefachsimpelt hätten und ihr der freundliche Manager schließlich das quietschbunte Kondom unter die Nase gehalten habe: "Kosten Sie doch mal!" Die Gummihaut schmeckte nach Himbeere und "eigentlich gar nicht schlecht", sagt Frau Perner, obwohl ihr natürlich etwas ungemütlich gewesen sei. Aber beeindruckt war sie doch von der erdrückenden Vielfalt der Waren für alle erdenklichen körperlichen Genüsse, die sich im Lager der Firma stapelten. "So etwas hatte es bei uns ja absolut nicht gegeben."

Man täte Frau Perner nun unrecht, wenn man sie sich als eine etwas unbedarfte DDR-Bürgerin vorstellte, die das Schicksal nach Sodom und Gomorrha verschlagen hatte, mitten hinein in den Sündenpfuhl, als den die prüdemoralisierende DDR-Propaganda die Bundesrepublik darzustellen pflegte.

Frau Perner ahnte wohl, auf was sie sich eingelassen hatte, denn immerhin hatte sie seit etlichen Jahren Tausende DDR-Bürger mit einschlägigen Gummiprodukten versorgt, auch wenn diese wirklich nach nichts als nach Naturkautschuk schmeckten. Kondome mit Fruchtaroma hatten die VEB Gummiwerke Werner Lamberz, Plastina Erfurt, alleiniger Hersteller von Kondomen in der DDR, nicht im Programm. Und so ergriff Hannelore Perner die historische Gelegenheit beim Schopf, um den Kunden ihres Hauses, des H.K.-Versandes von Hans Kästner in Dresden, vormals Hugo Kästner, mit Hilfe der westlichen Sexfirma ein wenig Abwechslung zu bieten.

Die kleinen Anzeigen mit dem großen schwarzen Ausrufezeichen, die der Kästner-Versand regelmäßig in fast allen Zeitungen des Landes veröffentlichte, waren jedem DDR-Bürger so bekannt wie das Portrait des großen Vorsitzenden in den Amtsstuben. In den Anzeigen versprach das Familienunternehmen in der Dresdner Neustadt "unauffälligen Versand, spesenfrei und diskret". Wer sich nicht traute, im HO-Markt oder der Apotheke nach dem Gummischutz zu fragen, weil dies vielleicht Rückschlüsse auf ein wenig solides und möglicherweise "unsozialistisches" Geschlechtsleben gestattet hätte, konnte seitens der Firma Kästner mit prompter Belieferung rechnen. Wenn die Post mitspielte, war das pikante Paket spätestens nach zwei Tagen beim Empfänger, egal ob der auf Rügen oder in der Oberlausitz wohnte.

"Herr Kästner hat immer sehr auf korrekte Abwicklung der Bestellungen geachtet", erinnert sich Frau Perner, seine langjährige Mitarbeiterin, die 1989 das Geschäft übernahm und es noch gerne ins hundertste Jahr seines Bestehens geführt hätte - wenn die Umstände es erlaubt hätten.

Hugo Kästner hatte 1899 in der Dresdner Neustadt eine Drogerie gegründet.