Hallo, hier spricht der Kühlschrank!

Intelligente Haushaltsgeräte sind auf den Menschen als Mitbewohner bald nicht mehr angewiesen von David Rosenthal

Telephonierende Kühltruhen, sprechende Kühlschränke und Heizungen mit Anschluß zum Internet - schon bald sollen Computer auch im Haushalt das Kommando übernehmen. Erste Produkte sind bereits auf der diesjährigen Elektronikschau Cebit zu sehen. Sie sollen jenen Hausfrauen und -männern die Arbeit erleichtern, die sich immer wieder Fragen wie diese stellen: Ist der Kochherd auch wirklich ausgeschaltet? Bis jetzt gab es nur zwei Möglichkeiten, diese Ungewißheit auszuräumen: abwarten und bangen oder aber nochmals in die Wohnung zurück und nachschauen. Der Münchner Konzern Siemens bietet seit kurzem eine dritte Lösung: den Kochherd von unterwegs anrufen und fragen.

Möglich machen das neue Geräte, versehen mit einigen zusätzlichen Mikrochips im Innern. Auch braucht man einen PC mit Anschluß ans Telephonnetz. Doch wer das hat, kann seine Haushaltsapparate künftig ferngesteuert für sich arbeiten lassen. Artig meldet die Waschmaschine dann aus dem Keller, ob sie mit dem Schleudergang schon durch ist. Und fällt die Kühltruhe aus, schlägt sie lauthals Alarm.

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Das alles soll aber erst der Anfang sein, versichern Experten. So zeigte die Friedrichshafener Firma Neurotec bereits Mitte vergangenen Jahres den Prototyp eines "denkenden" Kühlschranks: Er kennt nicht nur Rezepte, sondern weiß auch, wozu die noch vorhandenen Nahrungsmittel überhaupt ausreichen.

Denn diese hat er gleich nach dem Einkauf nach Menge und Verfallsdatum katalogisiert - Funketiketten und ein Lesegerät machen es möglich. Ziel müsse sein, meinte schon damals ein Firmenvertreter, "daß der intelligente Kühlschrank die Standardwaren über das Internet selbständig einkauft".

Obwohl heute noch kein Händler die teuren Funketiketten benutzt und Milch noch immer nicht durch das Internet gebeamt wird, ist der Trend längst klar: Die Informationstechnik erobert die Alltagsgeräte einige öffentliche Klohäuschen in England bestellen bereits bei Bedarf die Putzteams via Telephon zu sich. Und die Maschinen lernen, selbst Entscheidungen zu treffen.

Das fängt im Kleinen an, etwa in Form von "intelligenten" Waschmaschinen, die selbst wissen, welche Temperatur und wieviel Waschpulver die Wäsche benötigt.

Eines sehr fernen Tages soll es sogar Toiletten geben, die täglich den Stuhl analysieren - und das Ergebnis dem Hausarzt per E-Mail melden.

Vorboten dieser Entwicklung gibt es schon heute. In Europa, den Vereinigten Staaten und Japan sind bereits Häuser mit jeder Menge Elektronik vollgestopft. So hat etwa ein schottischer Fachmann in Edinburgh ein Haus entwickelt, das über gesprochene Kommandos oder über Telephon gesteuert werden kann. "Ich gehe jetzt" soll als Befehl ausreichen, um alle Lichter - und Herdplatten - abzuschalten, die Jalousien zu schließen sowie Alarmanlage und Telephonbeantworter in Gang zu setzen. Bricht ein Brand aus, ruft der Hauscomputer die Feuerwehr, sind Einbrecher am Werk, die Polizei.

Zu den Anbietern solcher Systeme gehören neben Herstellern wie Siemens immer häufiger auch Computergrößen wie Compaq, IBM oder Sun. Nachdem sie Unternehmen mit Netzwerk und Server-Computern eingedeckt haben, wollen sie jetzt auch Haushalte vernetzen und mit zentralen Kontrollcomputern versehen - ein Milliardenmarkt lockt. Erste Heim-Server werden bereits auf der Cebit zu sehen sein, so etwa die "Net Utility Box" von Data General als Internet-Zentrale für den Haushalt: Kabel sind dafür nicht nötig das 500-Dollar-Gerät arbeitet drahtlos.

Auch Microsoft-Chef Bill Gates hat diesen Trend erkannt: Der Personalcomputer werde "wohl nicht die einzige Maschine" des Infozeitalters bleiben, räumte er jüngst ein. Deshalb will er sein Windows künftig auch für andere Geräte anbieten. Windows CE nennt sich die Miniaturausgabe des Betriebssystems, die in der neuen Version 2.0 auf der Cebit ebenfalls zu sehen ist. Sie soll von der Digital-TV-Konsole über den Autobordcomputer bis hin zur Haustechnik in möglichst vielen Systemen stecken. Siemens hat Gates schon als Partner gewonnen. Startet er mit seiner Idee durch, so befürchten Kritiker, müssen nicht mehr nur Büroprogramme, sondern bald auch Küchengeräte und Heizungsanlagen auf die Technologie der mächtigen Softwareschmiede zugeschnitten sein.

Unklar ist freilich noch der Nutzen fürs breite Publikum. Die Steuerung von Geräten über gesprochene Kommandos ist ein Beispiel dafür, daß derzeit noch längst nicht alles beim Kunden ankommt. Spracherkennung ist technisch zwar längst möglich, doch noch kaum im Einsatz (siehe auch Seite 41). "Wenn die Leute mit einem Toaster sprechen sollen, finden das die meisten lächerlich", räumt auch Rick Korfin von Lernout & Hauspie ein, einer auf Spracherkennung spezialisierten Firma aus Belgien. Der Grund liegt auf der Hand: Ein einfacher Hebel und Drehknopf tut es auch, ist billiger und zuverlässiger.

Und ein intelligenter Toaster, der zuhören und womöglich auch antworten kann, dürfte nicht nur für Morgenmuffel eine Horrorvorstellung sein.

Das ist vielleicht auch gut so. Denn die Entscheidungen, die Rechenmaschinen mit ihrer vermeintlichen Intelligenz treffen sollen, dürften den Menschen nicht immer wohlgesonnen sein, wie etwa der britische Ingenieur Roland Burns von der Universität Plymouth warnt. So könnte sich ein intelligenter Kühlschrank mit seinen stets vernünftigen Entscheidungen rasch zum Tyrannen entwickeln und zum Beispiel Personen auf Diät den Weg zu Süßigkeiten versperren. Eines Tages, meint Burns, könnte das Regime vielleicht sogar so weit führen, daß Systeme zur Haushaltsverwaltung merken, daß Menschen im Grunde ineffizient sind, und sie deshalb aus ihren Häusern aussperren.

Diese Angst vor einer neuen Technikabhängigkeit teilt offenbar auch der britische Physiker und Mathematiker Stephen Hawking: Der Mensch, so meinte er kürzlich in einer Rede im Weißen Haus in Washington, werde sein Erbgut verbessern müssen, um die Kontrolle über die Technik zu behalten.

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