Wenn Joachim Franke die Eishalle in Berlin-Hohenschönhausen betritt, brechen die Gespräche ab. Die Zuschauer bilden eine Gasse, um den Herrn im blauen Trainingsanzug auf das Eis zu lassen. Hier, im Sportforum, begegnen die Menschen dem Bundestrainer der Eisschnelläuferinnen mit Ehrfurcht. Aus guten Sportlern mache Franke Sieger, weiß der Eismeister. Und der Nachwuchstrainer möchte nur eins: "werden wie Franke". Er bewundere dessen "Kraftseite". Dieses Jahr, sagt er, hätten die Läuferinnen "Kraft" gehabt - wie nie zuvor.

Kraft. Über nichts denkt Joachim Franke mehr nach. Und er begann schon früh damit: 1975, in der geheimen Forschungsgruppe "Zusätzliche Leistungsreserven", gegründet von der Leistungssportkommission der SED. Zu den Aufgaben der Gruppe gehörte die Erprobung "unterstützender Mittel". Zu deutsch: der Anabolika.

Noch heute steht der Name Franke für Höchstleistungen. Seine Läuferinnen erfüllten in Nagano die olympische Medaillenpflicht im Übersoll: zweimal Gold, dreimal Silber, einmal Bronze. Ganz im Sinne von Walther Tröger, dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK). Vor Beginn der Spiele wollte er die deutsche Hymne "mindestens zehnmal" hören, und am Ende spielten sie "Einigkeit und Recht und Freiheit" ein volles dutzendmal.

In der DDR arbeiteten die Medaillenplaner diskreter. Drei Jahre vor den Olympischen Spielen stand schon fest, in welchen Disziplinen zu siegen war. Die Goldgarantie im olympischen Ersatzkrieg war der Versuch der Funktionäre, durch Sport ein politisches System zu stabilisieren. Sport war die Außenpolitik der SED. Modellierte Menschen traten an, die Überlegenheit des Sozialismus vorzuführen; einige traten als Sportinvaliden wieder ab: Gewichtheber mit hormongeschwollenen Brüsten, Skilangläufer mit Turbotrieb, Schwimmerinnen mit Baßstimmen. Risiken und Nebenwirkungen ignorierten die Mitglieder der Sport-Forschungsgruppe. Und das vereinigte Deutschland ignorierte deren Vergangenheit.

Erst heute, acht Jahre nach der Wende, ermitteln die Behörden - zum Beispiel gegen Eisschnellauf-Bundestrainer Joachim Franke. In wenigen Fällen sind die Verfahren abgeschlossen. Seit Mitte dieser Woche stehen sechs Trainer und Sportärzte aus der DDR vor dem Berliner Landgericht, darunter Frankes alter Forschungsgenosse Bernd Pansold, der heute österreichische Olympioniken verarztet. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Körperverletzung vor. Sie sollen minderjährigen Schwimmerinnen Hormontabletten gegeben haben. Für neunzehn Frauen sind bleibende Schäden eine bleibende Erinnerung an diese Zeit (siehe Seite 18).

Mindestens 7000 DDR-Sportler sollen Kraft aus der Pille genommen haben. 706 Athleten, die damals minderjährig waren, klagen über chronische Schäden durch Anabolika. 400 Ärzte, Trainer und Funktionäre werden verdächtigt. 90 Ermittlungsverfahren laufen. Nach Beweisen suchen bis zu 70 Kriminalbeamte, Mitarbeiter der Zerv, der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität. Nachdem Mauerschützen und Treuhand-Betrüger verurteilt sind, ist jetzt das geheime "Staatsplanthema 14.25" dran.

Damit steht erstmals die medikamentöse Vergangenheit des DDR-Sports vor Gericht. Dem Berliner Prozeß werden weitere folgen. Die Justiz wird also jene Debatte erzwingen, welche die vereinigten Sportverbände jahrelang zu verhindern suchten. "Bei der Aufklärung haben sie uns nicht gerade geholfen", sagt Manfred Kittlaus, der Leiter der Zerv.