Es ist genug geredet worden, nun muß entschieden werden. So lautet die Parole, um das sogenannte Holocaust-Denkmal zu errichten. Es sei zu spät, jetzt könne nur noch gehandelt werden. Dieses plötzlich bemühte Argument, um die erneut anschwellende Kritik am geplanten Mahnmal aufzufangen, ist so gefährlich wie jede Halbwahrheit, die damit angeboten wird. Gewiß muß entschieden werden, aber nicht, weil genug geredet worden ist. Alle Argumente, die gegen das Mahnmal sprechen, so, wie es jetzt zustande zu kommen droht, sind längst formuliert worden. Sie haben nur den einen Nachteil, daß sie von den Auslobern ignoriert werden.

Die staatlich-privat gemischte Dreiergruppe der Stifter: also der Kanzler (Kohl), der Berliner Senat (Radunski) und der Förderkreis (Lea Rosh), weigerte sich früher, heute und, wie es nun aussieht, auch morgen, die Kritik an ihrer Planung auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Alle Einwände sind vom Tisch gefegt worden. Das unsichtbare Leitungsgremium hat obsiegt. Am Ort, an der Finanzierung, am Zeitpunkt und am Thema der Gedenkstätte ist strikt festgehalten worden, als hätte es nie eine Anhörung gegeben. Kein Für und Wider wurde bedacht, öffentlich begründet und abgewogen. Jede Alternative, die die jetzige Konzeption als solche in Frage stellte, ist verschluckt worden. Als würden kritische Argumente dadurch falsch, daß man sie überhört. Das hat Folgelasten, die bedenkenswerter sind als alle gegenwärtige Kritik.

Erinnern wir uns. Die Kunst des Weghörens führte bereits zum Kunstwerk der Neuen Wache. Im stummen Einverständnis mit der SPD - weil Frau Kollwitz so eine brave Sozialistin war - entschied der Kanzler im Alleingang, daß eine aufgeplusterte Pieta der Kollwitz als nationales Mahnmal der beiden Weltkriege und des Nationalsozialismus aufgestellt wird. Nun steht sie da, aber die Rechnung ging nicht auf. Einklagen sollte das Denkmal, wie Käthe Kollwitz 1914 schrieb, den "Opfertod des jungen Kriegsfreiwilligen", aber wie sie sich 1939 revidierte - die Menschheit habe das Opfer ihres Sohnes nicht angenommen. Dies ist die von Käthe Kollwitz formulierte Botschaft ihrer Pieta, die der Bundeskanzler unserer Republik ansinnt. Unversehens ist er in die Rolle des Reichskunstwartes der Weimarer Republik geschlüpft. Dabei hat er sich übernommen. Als sei seine politische Legitimation ein Qualitätsausweis ästhetischer Urteilsbildung. Politisch, ästhetisch und ikonographisch bleibt die Pieta ein Denkmal zweiter Wahl. Das weit eindrucksvollere Denkmal der Kollwitz steht in Vladslo, wo die Eltern dem für immer verschwundenen Sohn nachsinnen.

Die Pieta dagegen beklagt, wie die Inschrift uns heute belehrt, die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft - eine Replik auf die stalinistische Inschrift: den Opfern von Militarismus und Faschismus. Unbemerkt hat sich mit dieser Umwidmung das aktive, aber vergebliche Opfer des Kriegsfreiwilligen des Ersten Weltkrieges verwandelt in ein passives Opfer des Zweiten Weltkrieges, das nur noch erlitten worden sei. Fürwahr, eine säkulare Wandlung. Als seien alle gefallenen Deutschen des Zweiten Weltkrieges genauso passive Opfer des Nationalsozialismus wie jene Millionen schuldloser Menschen, die von uns umgebracht worden sind. Man bedenke: Den rund sechs Millionen hingemordeter Juden steht in etwa die gleiche Zahl an gefallenen Soldaten gegenüber. Aber nun werden sie allesamt als Opfer ein und derselben, der sogenannten Gewaltherrschaft rubriziert: gleicherweise die Täter - denn irgendwer muß wohl die Juden ermordet haben - wie die Opfer, die nur als passive Opfer begriffen werden können.Die Frage, wer hier wen - oder sich - für was geopfert hat oder wer hier warum für wen geopfert worden sei, bleibt unbeantwortet. Die Frage wird gar nicht gestellt.

So zieht die erste die zweite Fehlentscheidung nach sich. Aber nicht nur die Inschrift der Neuen Wache, auch das Denkmal der Pieta selber hat Konsequenzen heraufbeschworen, die nicht mehr zurückgenommen werden können, solange sie steht. Denn die Pieta schließt sowohl die Juden aus wie die Frauen, die beiden größten Gruppen der unschuldig Umgebrachten und Umgekommenen des Zweiten Weltkrieges. Dies ist antijüdisch: Hinter der Trauer um den Leichnam Christi lauern jene seit dem späten Mittelalter bösartig visualisierten Juden, die den Gottessohn ermordet hätten. Und hinter der sichtbar überlebenden Mutter rufen Millionen vernichteter, ermordeter oder vergaster und verschwundener Frauen: Und wer gedenkt unser? Ein doppelter Mißgriff mit Folgen, die sich aus einer deshalb auch ästhetisch zweitrangigen Lösung zwingend ergeben. Der Denkfehler gebiert ästhetische Mißgestalten.

Prompt, und längst vor der Errichtung der Pieta, erhob sich ein Sturm der Entrüstung all derer, die sich nicht von einer Opfergemeinschaft mit den Tätern vereinnahmt sehen wollten: der Juden, der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der Überlebenden der Euthanasieaktion, der Behinderten einschließlich der Sterilisierten sowie derer, die als Asoziale in diese Gruppe hineindefiniert worden sind, der politischen Widerstandskämpfer aller Richtungen sowie der religiös Verfolgten oder der aus rassezoologischen Gründen Eliminierten. Sie beklagen insgesamt mehr als fünfzehn Millionen unschuldiger Menschen. Aber was zählen hier Zahlen?

Und Kohl gab nach. Er beschloß, nach 1992 nunmehr beschleunigt, ein Denkmal für die Opfer außerhalb der Neuen Wache zu errichten, um es genauer zu sagen, für die passiven Opfer - aber nur für die Juden. So generiert die eine Fehlentscheidung, die Pieta, die nächste. Mit der erzwungenen Konzession, auf seiten der Unschuldigen nur der Juden zu gedenken und nicht der Millionen anderer unschuldiger Ermordeter, türmen sich Folgen auf, die abzutragen der politische Anstand gebietet.