Die Angst vor dem Computer

Pädagogen sind immer mißtrauisch gegenüber den Medien, die sie selbst nicht beherrschen

Zunächst gab Fritz Pleitgen, Intendant des Westdeutschen Rundfunks, vor 2000 Wissenschaftlern offen zu, daß er kurz vor dem Abitur das Consilium abeundi bekam, also den Rat, doch lieber von der Schule zu verschwinden. Dann gestand Hartmut von Hentig in seinem Eröffnungsvortrag, daß er das Tagungsprogramm zum Teil überhaupt nicht verstehen könne.

Mit dieser doppelten Provokation begann in der vergangenen Woche der Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in Hamburg. Während Pleitgens Coming-out noch als amüsantes Zwischenspiel gewertet werden konnte, traf von Hentigs erfrischende Offenheit ins Herz des Problems. Was etwa seien "transversale Medienwelten in einem hypermedialen Assistenzsystem für kaufmännische Berufsausbildung", fragte der Nestor der deutschen Pädagogik, der selbst nie dieses Fach studiert hat (vielleicht die Voraussetzung dafür, daß er seine eigene Pädagogik erfinden konnte). Der Hamburger Kongreß selbst, so diagnostizierte von Hentig, sei Teil des Problems, er fördere die Verehrung von Fetischen und Flucht zu Prothesen statt selbständiges Denken.

Daran hatten jene Wissenschaftler und Hochschullehrer, die sich der Didaktik verschrieben haben, schwer zu schlucken. Jene Pädagogen, die immer schon alles zu wissen glauben und meinen, vor Schülern zu stehen, die angeblich nichts wissen, müssen kräftig umlernen. Nun haben sie plötzlich eine autodidaktische Schülergeneration vor sich, die von Computern oft mehr versteht als sie. Das kränkt. Zudem bringen sich die Schüler - wie auch Erwachsene - die Computerei auch noch selbst bei. Das verwirrt noch mehr. Und so war das eigentliche Thema der Hamburger Tagung immer wieder auch der Verdacht, daß Computer und neue Medien letztlich Mittel zu autodidaktischem Lernen sind, die die bisher gepflegte Kultur der Belehrung in deutschen Klassenzimmern überflüssig machen.

Wider die Lesesucht von Kindern und Frauenzimmern

Medien waren Pädagogen seit jeher verdächtig. Vor 200 Jahren bereits wurde "Lesesucht" von Joachim Heinrich Campe als "Seuche unserer Zeit" angeprangert. Es waren Pädagogen, die fragten, "ob man einem großen Teil der Menschen noch anraten soll, lesen zu lernen" so Karl Gottfried Bauer in seiner damals preisgekrönten Schrift "Über die Mittel dem Geschlechtstrieb eine unschädliche Richtung zu geben". Auf die Lesepropaganda der Aufklärung folgte im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die Warnung vor der "Lesewut", zumal der "Frauenzimmer".

Die Ansicht, daß die alten Medien jeweils die guten und die neuen immer die bösen sind, hat eine lange Tradition. Doch langsam wird es Zeit, die Medienphobie der Pädagogen als Berufskrankheit anzuerkennen. Zwar verführen Medien mitunter tatsächlich zum Fetischismus und stimulieren Allmachtsphantasien. Aber sowenig der Alkoholismus bei genauer Betrachtung vom Wein kommt, sowenig kommt die Mediensucht von den Medien.

Um so merkwürdiger, daß der dreitägige Kongreß eine Frage nicht stellte: Inwiefern können auch Menschen als Medien gelten? Und worauf richtet sich die Sehnsucht der Kids, wenn die Ausstrahlung der Erwachsenen schwach ist?

Tatsache ist: Jugendliche greifen zur Medientechnik wie zu einer Prothese, wenn es um die medialen Kräfte ihrer Lehrer schlecht bestellt ist. Die Pädagogen halten jedoch dagegen, daß die Hoffnung auf die Erlösung durch den Computer am Ende nur in eine Schrottkultur führe. Ist das nun die alte Pädagogenangst oder ein reales Problem - oder vielleicht beides?

Eines ist sicher: Der Glaube an die Medien steckt - wie die Angst vor ihnen - dem Abendland tief in den Knochen. "Das Abendland ist seit 2000 Jahren eine Medienkultur", sagte der Vorsitzende der Gesellschaft, Dieter Lenzen.

"Seitdem wird geglaubt, von dem einen Buch gehe Erlösung aus."

So mancher Apologet der neuen Medien führt nun diese Religion fort.

Erstaunlich, wie viele Konvertiten sich bei Pädagogen finden. Der Sprung vom kulturkritischen Medienverächter zum begeisterten User gelingt ihnen aus dem Stand. So werden neuerdings "intelligente Maschinen" verehrt, und manch einer hofft, Computer revolutionierten den Unterricht. Doch die Pädagogen müssen erst mühsam lernen, daß Medien allein, ob Buch oder Computer, weder Erlösung bringen noch eine ansteckende Krankheit sind.

Was den zum Grundsätzlichen neigenden deutschen Erziehungswissenschaftlern fehlt, ist eine Mischung aus Pragmatismus und Phantasie. Und die Schule sollte ihre eigenen Grenzen akzeptieren lernen, meinte Hartmut von Hentig.

Sie sollte das Medienproblem entdramatisieren. "Die eigentlichen Gefahren kann sie sowenig ausräumen wie die eigentlichen Chancen dieser intelligentesten menschlichen Erfindung nutzen."

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    • Von Reinhard Kahl
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 14/1998
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