Uni ohne Raumprobleme

Hörsäle, Cafeteria, Bibliothek online - die Fernuniversität Hagen hebt ab in den Cyberspace

Studieren ohne Platzgerangel, ohne den Streß um überfüllte Hörsäle und vergriffene Bücher in den Bibliotheken. Dafür unbegrenzten Zugang zu Wissen aus digitalisierten Bibliotheken und Diskussion mit den Professoren und den Kommilitonen online - all diese Vorteile stellen virtuelle Hochschulen im Internet in Aussicht.

Ein umfassendes Konzept ist zum ersten Mal in Deutschland an der Fernuniversität Hagen verwirklicht worden. Mit ihrem Projekt "Virtuelle Universität - FernUniversität Online" wird zum einen der Lehrbetrieb über das Internet abgewickelt, wie dies auch andere Hochschulen praktizieren. Darüber hinaus aber entstand eine akademische Computerwelt, ein artifizieller Campus mit Verwaltung, Bibliothek und einer Cafeteria.

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Diese Virtuelle Universität (VU) ist das Werk der beiden Hagener Professoren Gunter Schlageter und Firoz Kaderali. Seit dem Wintersemester 1996/97 wird das Projekt im realen Betrieb in den Fachbereichen Elektrotechnik und Informatik erprobt.

Kurse in elektronischer Form werden inzwischen auch für die Bereiche Erziehungs-, Sozial- und Geisteswissenschaften, Jura sowie Wirtschaftswissenschaften angeboten. Spätestens in zwei Jahren sollen alle Lehrangebote virtualisiert sein. Die Mühlen der Bürokratie mahlen allerdings langsamer: Das Internet-Büro der Verwaltung wird noch längere Zeit eine Baustelle bleiben.

Rund 2500 der 55 000 Hochschüler der Fernuni kommunizieren schon jetzt per Internet mit der Hochschule, darunter einige aus den Vereinigten Staaten oder den Arabischen Emiraten. Eine Umfrage ergab, daß der typische Online-Student männlich (79 Prozent) und zwischen 30 und 40 Jahren (50 Prozent) ist. Er hat Wirtschaftswissenschaften (42 Prozent) oder Informatik (42 Prozent) belegt und gibt als Studienziel einen Diplomabschluß an (68 Prozent).

Der Lehrbetrieb an der VU stützt sich auf Vorlesungen, Seminare, Übungen und Praktika. Da die Kurse per Computer besucht werden, kann der Student arbeiten, wo immer er will - solange von dort eine Möglichkeit zur Verbindung mit dem Server der VU besteht. Bei schriftlichen Klausuren besteht allerdings immer noch Anwesenheitspflicht an einem der neun amtlichen Prüfungsorte in Deutschland. Fragen von mündlichen Prüfungen können die Studenten dagegen per Videokonferenz online beantworten.

In den Fächern Informatik und Elektrotechnik ist es inzwischen möglich, 95 Prozent des Semesterstoffs über das Internet zu erarbeiten. Als Kommunikationswerkzeuge dienen neben Chat-Foren und E-Mail auch Voice-Mail sowie Tele- und Videoconferencing. Kamera und Mikrophon werden jedoch nur zeitweise bei virtuellen Seminaren mit begrenzter Teilnehmerzahl eingesetzt.

Der Hardwarepool der Fernuni verfügt über zwanzig solcher Kameras, die von den Studenten ausgeliehen werden können.

In der Ausbildung setzt die Hochschule neben Multimediakursen, Videos, Simulationspaketen und CD-ROMs immer noch Printmedien ein - vor allem aus juristischen Gründen. Denn die Projektbetreuer stoßen nicht nur beim Datenschutz der Studenten an rechtliche Grenzen, sondern auch bei der digitalen Bibliothek. Bisher dürfen nur an der Universität verfaßte Bücher, Aufsätze und Artikel zum "Herunterladen" digitalisiert werden. Werke anderer Autoren müssen noch immer in Papierform bestellt werden. Das kostet Zeit und Geld.

Im "Shop" können die Studenten zusätzlich Materialien zu Lehrveranstaltungen oder zur Weiterbildung durchstöbern, abrufen oder gegen Gebühr bestellen. Das kostet Geld, aber - darauf weist die Projektleiterin Silke Mittrach hin - nahezu alle Fernstudenten sind berufstätig und können diese Kosten eher aufbringen als ihre Kommilitonen an einer Präsenzuni. "Das Studium ist zu finanzieren", findet sie.

Geld sparen und Kontakte knüpfen können die Studenten in der Cafeteria, dem sozialen Forum der VU. Per Mausklick begeben sich die Hochschüler im Job-Pool auf Stellensuche, schauen sich nach einer Mitfahrgelegenheit um und diskutieren untereinander oder mit dem Dozenten. In Chat-Kanälen wird getratscht und geratscht. Die VU bietet alles, was das Studentenherz begehrt - sogar die Suche nach dem Partner fürs Leben ist am Bildschirm möglich.

Trotz all dieser Vorzüge: Der computergestützte Campus könne nur eine - sinnvolle - Ergänzung zum traditionellen Studienbetrieb sein, sagt Silke Mittrach ersetzen könne er ihn nicht. Ein VU-Student hatte ihr erst vor kurzem per E-Mail die Vorzüge eines papierenen Skripts erklärt: "Das kann ich im Gegensatz zu meinem Computer wenigstens mit in die Badewanne nehmen."

Informationen über die Virtuelle Hochschule der Fernuni Hagen gibt es im Internet unter http://vu.fernuni-hagen.de

 
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