Der falsche Streit
Schluß mit dem Fundamentalismus: Die Kritiker der Gentechnik müssen gescheiter werden. Die Industriellen auch.
Solche Rituale kennen wir: Zelte und Hütten, Sitzblockaden und Transparente, unterhöhlte Gleise und zerstörte Felder. Die Widersacher haben sich längst in ihren Gräben verschanzt. Der erbitterte Kampf von Umweltgruppen und Bürgerinitiativen gegen Industrie und Forschung findet kein Ende.
Die Demonstranten, die Castor-Transporte oder Genmanipulation vereiteln möchten, haben Angst vor der Technik. Die Barrikaden im Kopf sind schwerer einzureißen als die auf der Straße. Jede Seite hat ihre Argumente zu festen Bündeln geschnürt, immergleich ist der Schlagabtausch.
Die staatlichen Vorschriften in Sachen Gen- und Atomtechnik sind in Deutschland eher straffer als in anderen Staaten, und doch sehen viele Bürger darin bloß Kungelei mit der Industrie. Zudem ist offensichtlich, daß die politische Debatte der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung hinterherhinkt.
Die Debatte hat sich verselbständigt und jeden Sinn verloren: Die Grünen bleiben bei ihrer pauschalen Ablehnung der Gentechnik - obwohl die eigenen Experten sehr differenziert denken und warnen, die Partei werde unglaubwürdig. Die SPD verspricht den Ausstieg aus der Kernkraft - und weiß nicht zu sagen, wie und wann er stattfinden soll. Beide linken Parteien scheinen den Mißerfolg ihrer uralten Strategien zu ignorieren. Das Wahldebakel der Grünen in Schleswig-Holstein zeigt: So kommt niemand zum Erfolg. Die Gegner von Atom- und Gentechnik müssen endlich die offene Diskussion wagen.
Im Publikum nämlich hat sich die Stimmung verändert. Fundamentalisten finden je länger, desto weniger Gehör. Die Ablehnung in Bausch und Bogen ist bei vielen Bürgern einer aufgeklärten, ja abgeklärten Haltung gewichen; sie begrüßen den Einsatz gentechnischer Verfahren in Pharmazie und Medizin. Der persönliche Nutzen gibt den Ausschlag. Nach vierzehn Jahren heftiger Debatte hat soeben die Hoechst-Tochter Roussel ihre Anlage zur gentechnischen Produktion von Insulin in Betrieb genommen, ohne das übliche Tohuwabohu. Das ist ein Durchhaltesieg der Industrie und ein Zeichen, daß der Alarmismus abklingt. Die Globalisierung weckt heute mehr Ängste als die Gentechnik.
Den meisten Menschen sind nur noch solche Anwendungen unbehaglich, deren Vorteile nicht von vornherein einleuchten: Gentechnik in der Landwirtschaft, im Labor manipulierte Nahrungsmittel. In Brüssel sind vergangene Woche gleich vier gentechnisch veränderte Pflanzensorten zugelassen worden. Amerikanische Unternehmen werten die Entscheidung als Durchbruch auf dem europäischen Markt. Doch Vorsicht! Zwar sind die Gemüter nicht in Wallung geraten. Aber noch immer lehnen drei von vier Bundesbürgern derlei Produkte ab. Deshalb wehren sich die Hersteller gegen das Ansinnen, gentechnisch veränderte Lebensmittel zu kennzeichnen.
Die Bürger nehmen ihre eigenen Bedürfnisse zum Maßstab. Mit der Gentherapie stößt eine der riskanteren Anwendungen der Gentechnik auf Zustimmung, wogegen eine harmlose manipulierte Tomate auf der Pizza von vielen vehement verabscheut wird - für Fachleute ein irrationales Verhalten. Ein Vierteljahrhundert nach dem ersten gentechnischen Experiment tut Aufklärung weiter not.




