Dresden

Die Farbe der DDR war Grau, wenn Grau überhaupt eine Farbe ist und nicht eher ein Zustand, noch dazu ein unerfreulicher. Grau waren die Uniformen der Grenzwächter, die wenige hinein und fast niemanden herausließen. Grau waren die Fassaden der Städte, das Wasser der Flüsse und der Himmel über Bitterfeld. Und grau waren auch die Mauern, hinter denen sich die Herrschenden und ihre Handlanger verschanzten, weil ihnen alles Bunte suspekt war. Denn Buntheit ist Vielfalt, und Vielfalt war nicht vorgesehen in der DDR.

Von diesen Mauern gab es nicht wenige im Land. In Dresden, an der Bautzner Straße, etwa auf halbem Wege vom Stadtzentrum zum Villenvorort Weißer Hirsch, hatte sich die Stasi hinter einem solchen Bauwerk eingerichtet. Nicht sehr hoch war die Mauer, die den weitläufigen Komplex an der Elbe umgab, aber hoch genug, um Blicke von außen abzuwehren - und mit stets wachen Kamera-Augen bestückt. Erst im Wendejahr 1989, als dem Volk die graue Tristesse zu bunt geworden war, bekam der Wall ein bißchen Farbe ab. "Stasi in die LPG" steht da noch in blassem Gelb oder "Psychotherapie für Stasibeamte". Die Schmähungen, mit denen die erwachten Bürger ihre Schergen bedachten, wirken heute sehr zurückhaltend, fast unangemessen harmlos für eine Revolution. Aber damals waren sie wohl das Äußerste, was man dem einst allmächtigen, allgegenwärtigen Ministerium für Staatssicherheit meinte entgegenschleudern zu können. Im Wortlaut der Graffiti scheint manchmal sogar Mitleid mitzuschwingen mit den selbst recht grauen Gestalten hinter der Mauer, die sich am 5. Dezember 1989 dem Protest Zehntausender Bürger vor ihren Toren beugten und das Feld räumten.

Was jahrzehntelang hinter der Mauer vorging, konnten die Dresdner nur ahnen.

Jedenfalls nichts Gutes, das wußten auch die Mitglieder einer Abordnung von Bürgerrechtlern, die die Zwingburg am Tag der friedlichen Erstürmung Raum für Raum in Besitz nahmen. Ihnen öffnete sich schließlich ein turmähnlicher, fast quadratischer Bau, der von außen - selbst von ferne - kaum zu sehen gewesen war: die Untersuchungshaftanstalt der Dresdner MfS-Bezirksverwaltung, ein veritables Gefängnis im geheimen. Daß mitten in ihrer Stadt bis zu 150 Menschen für längere Zeit beinahe spurlos verschwinden konnten, das war für viele Dresdner eine bedrückende Erkenntnis.

Der in den sechziger Jahren entstandene Bau gliedert sich in drei Teile: Der westliche Teil grenzt unmittelbar an einen schon früher errichteten Saalbau und beherbergte die Diensträume der MfS-Mitarbeiter, Vernehmungsräume und eine Arztstation. Östlich schließt sich der Zellentrakt an mit Lichthof, offenen Umgängen und sechzig winzigen Zellen auf vier Stockwerken, "ganz in der Tradition der Gefängnisbauten des 19. Jahrhunderts" geplant und gebaut, wie der sächsische Landeskonservator Gerhard Glaser in einer Bestandsaufnahme konstatiert.

Völlige Isolation war das Merkmal der Stasi-Haft