Die Fleischergesellen-Bruderschaft in der Friedenskirche im Wilhelmshavener Stadtteil Fedderwardergroden feiert ihr hundertjähriges Jubiläum. Höhepunkt des ökumenischen Gottesdienstes ist die Segnung der zu diesem Anlaß neu angefertigten Innungsfahne, die das christliche Osterlamm mit der Auferstehungsfahne zeigt. "Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser", hatte die Gemeinde kurz zuvor noch gesungen.

Doch der Jubiläumsgottesdienst der Wilhelmshavener Fleischerinnung erregt Anstoß. Die Tierrechtsbewegung aus dem Nachbarort Schortens konfrontiert die Geistlichen mit einer überraschenden Frage: Wie können die Kirchen es dulden, daß das Christuslamm als Symbol auf der Fahne von Tiermördern prangt? Hilflos reichen die Kleriker diese Frage an die Metzger weiter, die sich mit dem Hinweis auf das hohe Alter ihres Zunftsymbols verteidigen.

Nur eine Episode. Aber sie führt zu der bangen Frage: Was haben Metzger und Gottesmänner miteinander zu tun?

Pikanterweise beruft sich die Metzgergilde auf die rituelle Tieropferpraxis der Priester: "Wenn eine Innung ist, der Ruhm und Lob geziemt, so ist's die Fleischer-Zunft, die an sich hochberühmt, und auch dem Ursprung nach denn wie erwiesen worden, entspringet sie ja selbst aus dem Leviten-Orden, die da im alten Bund das Opfer-Vieh geschlacht't, so man auf dem Altar dem Höchsten dargebracht", heißt es in einem alten Fleischerzunftlied, das die Jubiläumsschrift der Fleischer-Innung Heilbronn zitiert. Der Metzger ein säkularisierter Priester?

Doch die christlichen Priester haben das Metzgerhandwerk ja nie gelernt, denn das Lamm Gottes hat nach Aussage des Hebräerbriefs im Neuen Testament die Sünd' der Welt ein für allemal getragen und fortan jedes Sündopfer überflüssig gemacht. Wie stellen sich also christliche Pfarrerinnen, Pfarrer, Priester und Theologen zu der Verwendung des Gotteslammes als Metzgerzunftzeichen?

Dunkel ist, wann und warum die Metzger das christliche Symbol des Agnus Dei neben dem bis heute existierenden Ochsenkopf als ihr Zunftzeichen wählten.

Die älteste erhaltene Zunftfahne, das "Venli" der Berner Metzger aus dem 15.