Original und Fälschung
Ein manipuliertes Photo und seine Geschichte
Harmlos fängt es immer an, Alltagsroutine: Die Redaktion braucht Bilder zu einem Thema, die Bildredakteure geben die Bestellung an eine Agentur weiter. So war's auch im November letzten Jahres im ZEIT-Dossier. Ein aufregender Text: Französische Historiker entdecken den roten Holocaust, der angeblich viermal soviel Menschen das Leben kostete wie die Massenmorde der Nazis.
Art-director und Bildredakteurin suchen aus dem Angebot das eindrucksvollste Bild heraus, das dreieinhalb Spalten auf der Aufschlagseite füllt. Ernste Kinderaugen hinter Stacheldraht sehen dich an. Der Leser wird sofort in den Bann geschlagen.
Es lag mitten unter Bildern aus dem Gulag, die das Berliner Archiv für Kunst und Geschichte (AKG), eines der renommiertesten Bildarchive in Deutschland, geliefert hatte. Das Originalphoto hatte man nach der Wende aus einem Verlagsarchiv der ehemaligen DDR erworben. Die Textinformation war freilich dürftig: "2. Weltkrieg/Sowjetunion - Kinder in einem Internierungslager - Photo, 1943". Mehr Angaben ließen sich in einschlägigen Werken nicht finden.
Dies war der erste Lapsus: Man wollte dennoch nicht auf das Photo verzichten.
Und der zweite folgt sogleich: Ein ZEIT-Redakteur läßt sich zu einer riskanten Unterschrift verleiten: "Kinder in einem sowjetischen Internierungslager 1943". Schließlich lag das Bild unter lauter Photos vom Gulag. Aus der Unvorsichtigkeit war eine Verführung erwachsen.
Ein Antifaschist aus Berlin-Treptow traute seinen Augen nicht, als ihn kurz danach die Kinder in dem französischen Bildband "La Déportation", der 1967 von der Fédération Nationale des Déportés et Internés Résistants et Patriotes herausgegeben wurde, wieder anstarrten. Dem Text ließ sich entnehmen, es handele sich um das Lager Petrosawodsk/Petroskoi, welches von "Hitlerleuten" errichtet worden sei. Aufgenommen hatte es die Moskauer Photographin Galina Sanko. Das Neue Deutschland dokumentierte die Geschichte mit der provozierenden Überschrift: ",Zeit'-Zeugen lügen nicht. Oder doch?" Wie wir sehen werden, hatten andere, wenn nicht gelogen, so doch manipuliert.
Unter deutscher Besatzung gab es in der Sowjetunion Hunderte von Lagern. Aber dieses sucht man zwischen Leningrad und dem Kaukasus, also dort, wo die Wehrmacht stand, vergebens. Petroskoi ist die Landeshauptstadt von Ostkarelien, das 1941 von den Finnen erobert worden war. Die wahre Geschichte des Bildes hat uns der finnische Historiker Pekka Kauppala erzählt. Nach dem Rückzug der Russen hatten die finnischen Besatzer die russische Zivilbevölkerung aus frontnahen Dörfern in die halbleere Stadt umgesiedelt.
Die Kinder lebten bei ihren Eltern und gingen in die Schulen, wo man sie in russischer Sprache unterrichtete. Wegen einer Flecktyphusepidemie hat man 1943 die Viertel mit Stacheldraht eingezäunt. Später blieb er, weil die Finnen Kontakte der Bevölkerung zu russischen Partisanen erschweren wollten.
Schwedische und schweizerische Journalisten und Überprüfungskommissionen haben 1943/44 mehrmals den guten Zustand des "Lagers", das vom Roten Kreuz betreut wurde, bestätigt.
Nach dem Abzug der Finnen 1944 (nicht 1943!) bat die Photographin einige Kinder, sich hinter den Stacheldrahtzaun zu stellen, um das angebliche Kinderelend in den finnischen Konzentrationslagern zu dokumentieren. Lange Jahre erschien das Bild in antifinnischen Publikationen, dann plötzlich auch in antinazistischen. Das Bild ist für Propagandazwecke manipuliert worden: Man hat einfach durch scharfen Schnitt den finnischen Text auf dem Schild abgetrennt. Er lautet: "Übersiedlungslager. Das Eintreten in das Lager und Gespräche durch den Draht werden unter Androhung des Schußwaffengebrauchs verboten".
Übrigens: Konkret behauptet, die ZEIT habe "ausgemergelte Kinder hinter Stacheldraht" gezeigt. Man sieht, was man sehen will.
- Datum 02.04.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15/1998
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