Im Kampf gegen Microsoft gibt Netscape das Rezept seiner Internet-Software preis

Programmierer aller Länder, vereinigt euch!

Würde Coca-Cola das Geheimrezept seines braunen Zuckergetränks veröffentlichen, verbunden mit der fröhlichen Aufforderung an das Publikum, doch gemeinsam an einer Verbesserung des Produktes zu köcheln?

Etwas Vergleichbares tut die Firma Netscape in diesen Tagen. Statt um Brause geht es um Browser - jene Programme, mit denen die Internet-Surfer durchs Netz navigieren. Netscape veröffentlicht den sogenannten Quelltext seines Programms Communicator. Riskiert das Unternehmen damit den geschäftlichen Selbstmord?

Anzeige

Beabsichtigt ist mit der ungewöhnlichen Aktion jedenfalls das genaue Gegenteil. Netscape will im Kampf gegen den Konkurrenten Microsoft, der dem jungen Unternehmen schwer zugesetzt hat, wieder in die Offensive kommen. Wenn sie die Software sozialisiert, rechnet sich die Firma aus, dann werden Tausende von freiwilligen Programmierern in aller Welt dabei helfen, den Communicator zu einem unschlagbaren Spitzenprodukt zu machen.

"Besitzrechte an Software schaden der Gesellschaft"

Netscape macht sich damit das Credo vieler Softwareautoren zu eigen: Programme geraten dann am besten, wenn sie im Kollektiv geschrieben werden. Der Ansatz stammt aus den späten siebziger Jahren und war damals als Gegenmodell zum entstehenden Markt für kommerzielle Software gedacht. Bis dahin waren Programme meist eine kostenlose Beigabe zur Hardware gewesen. Erst langsam bildete sich eine eigenständige Softwareindustrie, deren Unternehmen Urheberrechte für ihre Produkte reklamierten.

Mit dieser Kommerzialisierung verbunden war die Tendenz der Branche, nur noch lauffähige Programme zu vertreiben, nicht aber mehr deren Quelltext, sozusagen das Rezept der Software. Damit wollten Microsoft und Konsorten verhindern, daß andere ihre Produkte verändern konnten. Denn ohne Quelltext lassen sich Programme nur mit extrem großem Aufwand umschreiben.

Für Programmierer wie Richard Stallman brach damit eine Welt zusammen. Er hatte in den siebziger Jahren im Labor für Künstliche Intelligenz des Massachusetts Institute of Technology (MIT) gearbeitet - einer Art Softwarekommune: Jeder durfte die Programme anderer nutzen, sie umschreiben oder sogar für eigene Projekte ausschlachten.

Service