Loriot Herr und Mops
Das Preußische ist ihm wichtig, und das Komische kann er
Ambach - Auf dem Kopf seines Briefes steht groß Loriot, unterschrieben hat er mit Bülow. Mich interessieren beide Herren. In dem kleinen Herrenhaus im bayerischen Ammerland empfängt mich Vicco von Bülow. Untermalt ist der Empfang von Gebell, darunter unverkennbar das eines Mopses. Möpse bellen nicht wie Hunde. "Möpse sind mit Hunden nicht zu vergleichen", sagt Loriot.
"Sie vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen." Der Mops heißt Paul und ist bereits der fünfte seiner Gattung im Hause Bülow, in dem es nicht nur Möpse gab, sondern auch Hunde: Neufundländer und Bobtail. Im Moment ist es ein freundlicher Mischling, den eine der beiden Töchter bei den Eltern ließ, als sie nach Rom umsiedelte.
Möpse sind in Loriots Werk prominent vertreten. Das kam durch Romi, die seit über vierzig Jahren mit Vicco von Bülow verheiratet ist. Im nahen Starnberg hatte sie einen mit 25 Möpsen besetzten Caravan entdeckt. Es war Liebe auf den ersten Blick, und Mops Henry wurde bald darauf Hausgenosse. (Für hundelose Haushalte muß erwähnt werden, daß es ein seltenes Glück ist, wenn sich beide Ehepartner für Hunde oder gar Möpse begeistern.)
Es ist stürmisch und kalt, ein Wetter, bei dem von Loriot gezeichnete Hunde "keinen Menschen vor die Tür jagen möchten". Loriot zieht den Trenchcoat an, die Hunde kommen an die lange Leine.
An den Wänden hängen Bilder von neun Generationen
Kennengelernt hatte ich Vicco von Bülow Anfang der achtziger Jahre. Damals gab es die DDR noch, und ich arbeitete als Korrespondentin. Ich war privilegiert und wurde an der Grenze nicht kontrolliert. Deshalb bat er mich, für sein Patenkind in Ost-Berlin ein Geschenk mitzunehmen.
Das nächste Mal traf ich ihn einige Jahre später in Ost-Berlin, die DDR gab es immer noch. Im Dom von Brandenburg wurde eine Ausstellung seiner Werke eröffnet. Seit gut fünfzig Jahren war er zum ersten Mal wieder in seiner Geburtsstadt. "Der Dom war brechend voll. Kinder drückten mir Sträußchen in die Hand. Manche weinten. Ich rang um Fassung", erinnert er sich. Er bedankte sich "beim lieben Gott und dessen Vorgesetzten in Berlin". 1988, ein Jahr vor dem Fall der Mauer, traf ich ihn bei der Ost-Berliner Premiere seines Films "Ödipussi". Es war nachmittags vier Uhr. Er begrüßte das Publikum mit der Bemerkung, daß er sich doch sehr darüber wundern müsse, wie voll das Kino sei. Er habe geglaubt, daß um diese Zeit alle mit dem Aufbau des Sozialismus beschäftigt seien.
Die deutsche Vereinigung, sagt er, sei eine unglaubliche Chance gewesen, die leider nicht genutzt worden sei. Man könne der Bundesrepublik wahrlich nicht vorwerfen, nicht genug Geld gegeben zu haben. "Aber Geld ist nicht alles."
Man müsse sich doch nur mal überlegen, wie es Menschen gehe, wenn die angeblichen Brüder und Schwestern ihnen sagten, daß sie vierzig Jahre lang alles falsch gemacht hätten. Für viele im Westen habe die DDR doch gar nicht existiert. "Aber sie urteilen darüber, über Dinge, die sie nicht verstehen. Das verletzt die, über die da geurteilt wird."
Seine Jugend verbrachte Vicco vornehmlich in Berlin, ein paar Jahre bei Groß- und Urgroßmutter Bülow, in einer Wohnung mit dunklen, schweren Tapeten, Vorhängen und Möbeln des 19. Jahrhunderts, das uns seiner Meinung nach bis heute präge. "Alles, was uns heute interessiert, stammt aus dem 19.
Jahrhundert. Auch Wagner, Verdi, Puccini, Strauss, Brahms, Bruckner, der späte Beethoven. Der späte Goethe." Wichtiger noch scheint ihm, daß man damals eins war mit der Musik, der Literatur und dem Theater. Nicht so gespalten wie heute. "Wagner war zu seiner Zeit ein hochberühmter Mann. Sein Tristan war atonale Musik, war sehr neu, aber nicht unverständlich."
Nach Bayern verschlug es den Preußen, weil er einen Vertrag mit einer Münchner Illustrierten hatte. Jetzt fühlt er sich in Ammerland zu Hause. Beim Nachbarn, dem letzten Bauern im Ort, kaufen die Bülows Eier. Er zeigt auf die Wiese neben dem Weg: "Hier baut er Mais an." Nach ein paar Schritten sehen wir weit unter uns den Starnberger See. "Bei klarem Wetter könnten wir die Alpen sehen. Geradeaus die Zugspitze."
Vicco von Bülow begrüßt Jährlinge auf einer Koppel. Vollblutpferde, die Derbysiegerin des vergangenen Jahres stammt von hier. Am Rand der Kastanienallee blühen Himmelsschlüsselchen.
Anton versucht, seinem Herrn die Leine aus der Hand zu zerren. Es kommt zu einem Gerangel zwischen Herrn und Hund. Anton kann es für sich entscheiden. Stolz trägt er die Leine im Maul, ein Hinweis, daß er jetzt wieder nach Hause möchte.
Es fängt an zu schneien. Loriot kann endlich ins Haus flüchten. In der Halle hängen Gemälde Bülowscher Vorfahren, für die im Wohnraum kein Platz mehr war.
Einen liebt er besonders, er war General der Infanterie, diente unter Friedrich dem Großen, sein Ururururgroßvater. Er inspirierte ihn bei der Eröffnung seiner Ausstellung 1993 in Potsdam zu einer für Loriot typischen Festansprache. Jener Urahn nämlich habe "mit der bekannten Weitsicht friderizianischer Feldherren" vorausgesehen, daß zur Jahrtausendfeier Potsdam sein Ururururenkel gern seine Werke ausstellen würde, dafür allerdings ein Museum nötig sei. "1769 stand das Gebäude, und Friedrich wird seitdem der Große genannt. 224 Jahre träumte dann dieses Haus seiner eigentlichen Bestimmung entgegen. Nun ist es endlich soweit."
Im Wohnzimmer setzt sich der Hausherr aufs Sofa neben mopsverzierte Kissen.
Überall verteilt Glaskugeln und Porzellanhunde, die fast immer als Pärchen auftreten. Von den Wänden blicken Vorfahren. Manche der Bilder gehörten einer Tante im sächsischen Görlitz, die sie ihm Anfang der sechziger Jahre vererbte. Er wollte sie nach Bayern holen. Die DDR hinderte ihn daran. Er wandte sich an Karl-Eduard von Schnitzler, der aus dem Westen nach Ost-Berlin gewechselt war und als Fernsehmoderator mit seinem "Schwarzen Kanal" zweifelhafte Berühmtheit erlangte. "Was ist denn das für ein Rechtsstaat", beschwerte Bülow sich, "der mir mein Eigentum verweigert?" Also ließ Schnitzler die Bilder zu sich nach Hause schicken und transportierte sie in den Westen. Adel verpflichtet.
An den Fingern zählt er nach: "Meine Tochter ist Mutter der Enkel, ich der Vater der Tochter, mein Vater, Großvater, Urgroßvater ..." Auf die Bilder von neun Generationen können seine Enkel zurückblicken. "Die Kette der Vorfahren beleuchtet, wie klein man da mittendrin ist. Das macht bescheiden."
Und er ist es wirklich, auch wenn man dies bei ihm gar nicht erwartet.
Schließlich ist er eine Berühmtheit, die Leute erkennen ihn auf der Straße, und seine Figuren haben Kultcharakter: der Rentner Lindemann mit seinem Lottogewinn, die Herren Dr. Klöbner und Müller-Lüdenscheid in der Badewanne oder der Weinvertreter mit seinem: "Abgezapft und originalverkorkt von Pahlgruber & Söhne."
Es dauerte ein Weilchen, bis seine Hunde mit den Schlappohren und die Knollennasenmännchen ihren Siegeszug durch die deutschen Lande antraten.
Rowohlt lehnte ein Buch mit ihnen ab. Erst der Schweizer Diogenes Verlag hatte den richtigen Riecher. Er druckte es und druckt seine Bücher noch heute. Verleger und Autor sind zufrieden. Das Fernsehen entdeckt ihn. Er ist Autor, Regisseur, Hauptdarsteller seiner Sketche. Er inszeniert Flotows "Martha", entwirft Bühnenbild und Kostüme.
Kürzlich war ich in der Berliner Oper. Es gab die vier Opern des "Ring der Nibelungen". Loriot hat sie auf dreieinhalb Stunden gekürzt, mit Musikbeispielen und seinem Bericht vom Tathergang. Das Publikum jubelte, als Loriot auf die Bühne kam, ans Stehpult trat, seinen Text las, danach rechts wieder abging, in dunkelgrauem Maßanzug, schmal und aufrecht wie ein preußischer Offizier.
"Heute habe ich Ihnen eine Steinlaus mitgebracht"
Das Preußische seiner Vorfahren ist ihm bis heute wichtig, besonders die aus der Mode gekommenen Tugenden wie Verläßlichkeit, Höflichkeit, Bescheidenheit, Toleranz. "Preußen hat vorgemacht, was Einwanderung bedeutet." Oder Loyalität, die erst unter dem Kaiser zu Untertanengeist mutierte. "Aber das war nicht nur in Deutschland so. Viktoria in England war in manchem Wilhelm II. sehr ähnlich, zum Beispiel in ihrem Auftreten in Indien." Preußen, das sind für ihn auch die Offiziere des 20. Juli 1944. Und deshalb verletzten ihn die Wehrmachtsausstellung und die Reaktion darauf. Man dürfe nicht neunzehn Millionen deutscher Soldaten zu Kriminellen stempeln, sagt er, "der Krieg an sich ist das Obszöne".
Preußisch nennt er auch seinen Perfektionsfimmel, den er in seinem Beruf aber für unerläßlich hält. "Bei Komik muß jedes Detail stimmen. Bei der Tragödie kommt es nicht so genau darauf an." Dieter Ertel, der ihn zum Südfunk Stuttgart und später zu Radio Bremen geholt hat, sorgte dafür, daß er seine Arbeit so machen konnte, wie er sie für richtig hielt. Wenn er Prominente imitierte, gelang ihm das so perfekt, daß etwa Bernhard Grzimek am Anfang einer seiner Sendungen sagte: "Das bin jetzt wirklich ich und nicht Loriot."
Dabei habe er bei Grzimek gar nicht viel machen müssen, "nur eine kleine Spitze auf die Nase, die Augen ein bißchen so ... ein paar Falten auf der Stirn." Und plötzlich sitzt mir auf dem Sofa in Ammerland Bernhard Grzimek gegenüber und sagt: "Heute habe ich Ihnen eine Steinlaus mitgebracht ..."
Im vergangenen Monat hat er den Festsaal im Westflügel der Brandenburger Domklausur eingeweiht. Im Namen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz hatte er um Spenden zur Rettung des Brandenburger Doms gebeten, um ihn wenigstens erst einmal abzustützen. "Zwei Millionen gingen daraufhin ein, und da mußten Staat und Kommune reagieren und gaben den Rest."
Seine eigene, die Brandenburg-Stiftung Vicco v. Bülow, unterstützt Menschen aus der Stadt Brandenburg, die in Not geraten sind. Bestimmte Honorare läßt er auf das Konto der Stiftung überweisen. "Da kann man leichter höhere Beträge verlangen als für sich selbst." Ohne das Kapital anzugreifen, könne er jedes Jahr bereits 30 000 Mark verteilen. Da schreibt zum Beispiel eine Familie, daß die Kinder auf dem Boden schlafen müssen, weil sie sich keine Betten leisten können. Der Geschäftsführer der Stiftung sehe sich das an, und dann bekomme die Familie ihre Betten. "Viele westliche Investoren gehen in die neuen Bundesländer, um Geld zu machen, Steuern zu sparen. Sie suchen nur ihren eigenen Vorteil. Da ist es wichtig, daß mal eindeutig etwas reingebracht wird, ohne etwas rausholen zu wollen. Das ist Dank an meine Geburtsstadt."
- Datum 24.10.2008 - 17:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16/1998
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