Eine Theorie des Tourismus gibt es hierzulande noch nicht. Diesem Ungenügen möchte jedoch seit einigen Jahren ein Kreis von Wissenschaftlern aus den verschiedensten Fachrichtungen abhelfen. Gesucht wird ein gemeinsames Fundament, auf dem sich das Theoriegebäude für ein allgegenwärtiges, aber kaum erforschtes Phänomen errichten ließe.

Die Pioniere auf einem Feld mit äußerst vagen Konturen haben nun den Band "Voyage" herausgegeben, eine Sammlung mit Beiträgen prominenter und wenig bekannter Autoren. Der Untertitel "Warum reisen?" signalisiert zwar eine Eingrenzung des äußerst komplexen Themas. Davon jedoch kann nicht die Rede sein.

Zu den Vorzügen des Bandes zählt, daß er auch interessierten Laien ermöglicht, sich einen Begriff von den weitgespannten Überlegungen zum Phänomen des Reisens zu machen. Dazu tragen vor allem einige herausragende Beiträge bei, allen voran Essays von Stephen Greenblatt und Jean-Didier Urbain. Diese Denkstücke machen auch mit den Einfällen brillanter Intellektueller wie Pierre Bourdieu und Jean Baudrillard bekannt, die mit eigenen Beiträgen zwar nicht vertreten, als geistige Väter jedoch stets gegenwärtig sind.

Häufig zitiert wird auch der amerikanische Historiker Eric Leed ("Die Erfahrung der Ferne"), der viel Erhellendes über das Unterwegssein mitzuteilen weiß. Wer über die Arbeiten der im Buch genannten Autoren noch ein bißchen mehr erfahren will, der sei auf die umfangreichen Literaturhinweise am Ende eines jeden Kapitels aufmerksam gemacht.

Eins wird schnell klar: Die Deutschen gehören nicht gerade zu den geistigen Vorreitern auf diesem Gebiet, das die Verknüpfung kulturphilosophischer, soziologischer und psychologischer Aspekte verlangt, vor allem jedoch ein Denken über enge Disziplingrenzen hinaus.

Hans Magnus Enzensbergers "Theorie des Tourismus", erschienen 1958, blieb über Jahrzehnte hinweg unwidersprochen, obwohl sich die Gesellschaft der Bundesrepublik in einem permanenten Wandel befand. Erst spät ist diese geistige Stagnation einem neugierigen Blick auf die Nachbarländer gewichen, in denen sich Intellektuelle längst vorurteilsfrei mit dem Reisen auseinandergesetzt hatten.

Mit neuen Ansätzen trat als einer der ersten der Soziologe Christoph Hennig hervor. In seinem Beitrag "Jenseits des Alltags" bemerkt er, weitgehende Einigkeit zwischen den Tourismuskritikern herrsche gegenwärtig nur darin, daß Urlaub als "Gegenentwurf zum Alltag" verstanden werde.