LUCHS 136: Andreas Steinhöfels Jugendroman "Die Mitte der Welt"

Die Jury von ZEIT und Radio Bremen 2 stellt vor von Konrad Heidkamp

Andreas Steinhöfels Roman "Die Mitte der Welt" beginnt beinahe wie eine jener alten Sagen, die vom Auftritt eines neuen Geschlechts freier Menschen berichten, und jedes Kapitel hält dieses geheimnisvolle Gleichgewicht zwischen der Neugierde auf den Schluß und dem Genießen des Augenblicks. Der seltene Fall.

Glass, ein hochschwangeres, siebzehnjähriges Mädchen, verläßt Amerika, schifft sich in Boston ein, um in einem fernen Schloß, in jenem fernen Europa, im Land Überall ihre Schwester zu suchen. Als sie ankommt, im tiefsten Winter, ist die Schwester tödlich verunglückt, auf dem weiten Weg zum Haus gebiert sie Zwillinge, mitten im Schnee: Dianne und Phil. Die Gegenwart kann beginnen, die zweite Heimat.

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Der siebzehnjährige Phil erzählt ihrer aller Geschichte, nimmt sich dafür ein Jahr. Man zögert fast, es auszusprechen - Phil ist schwul. Und um noch eins draufzusetzen: Seine Schwester Dianne scheint in einer fast magischen Symbiose zu Tieren und Pflanzen zu stehen, Glass, die junge Mutter, führt Buch über wöchentlich wechselnde Liebhaber, und ihre beste Freundin Tereza ist lesbisch. Außenseiterstoff genug also, um eines jener zeitgemäß sensiblen, provokativen Problembücher zu füllen, die von Zweifel, Suche und homoerotischer Liebe sprechen und den erwachsenen Leser verblüfft die neue Freizügigkeit loben läßt.

Dies auch, aber Steinhöfels Roman schreibt sich anders. Als ihre Freundin Tereza dem neunjährigen Phil prophezeit, er würde später eine Tunte werden, lacht Glass: "Dann soll es mir recht sein." - "Den Worten war ein kurzes Zögern vorausgegangen, und während dieses Zögerns hatte sie nicht gelacht. Auch nicht danach. Danach war blitzartig dieser Schatten über ihr Gesicht gehuscht." Die Brechung durch Märchenzitate, der fatalistische Tonfall und das Einfrieren von gedankenverlorenen Pausen verdichten sich zu den Augenblicken, die zur wahren "Mitte der Welt" werden, - der Autor weiß, wovon er spricht.

"Sie fiel sehr langsam hinunter, denn sie konnte sich während des Sturzes in aller Ruhe umsehen und überlegen, was mit ihr jetzt wohl geschehen würde", zitiert der Vorspruch "Alice im Wunderland", und ebenso traumklar entwickelt Steinhöfel seine Geschichte. Erzählt von Phils bester Freundin Kat, von Nicholas dem Läufer, den er liebt, von Wolf dem Einsamen, der ihn liebt, von Dianne, die sich irgendwann zurückgezogen hat, von Händel, seinem reinen Lehrer, von den Liebhabern ihrer Mutter, unter denen sich die Kinder immer wieder einen Vater erhofft haben. Und vor allem von den ,kleinen Leuten', den ,Jenseitigen', die in der Stadt leben, auf der anderen Seite des Flusses, dort wo sie mißtrauisch beäugt werden, wo man sie Hure und Hexenkinder nennt und verstummt, wenn sie einen Laden betreten.

Doch es leben auch andere ,drüben', die verrückte Annie, die dem kleinen Jungen schöne Gefühle macht oder der alte Ladenbesitzer Tröht, der ihn aus dickbauchigen Bonbongläsern verwöhnt und von "Bie-fiff-diduus" im Krieg schwärmt. Wie Schwarzweißbilder eineFamilienalbums durchziehen diese liebevollen Portraits, diese skurrilen Episoden, den Roman, werden zum Spiegel und Kontrapunkt.

Es ist die (Kinder-)Perspektive dieser Rückblenden, die dem trockenen Witz des( Kinderbuch-)Autors Steinhöfel Raum gibt, es sind die romantischen Märchenmotive - vom Teich über die schwarze Holzpuppe zum Schloß mit den Königskindern -, die der Übersetzer und Kritiker Steinhöfel einbaut, und es ist der Kunstgriff eines jungen belesenen Autors, mit dem er diese beiden Ebenen zu einem Buch über die Zärtlichkeit des Lesens und das Risiko von Gefühlen verbunden hat.

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