Der komplette Text: 30 Jahre 2001. Und wir haben noch immer diese Kinobilder im Kopf
Eine kluge Faschismusmaschine
Es war das Jahr der großen Träume. Wir träumten 1968 davon, erst die ganze Welt und dann auch uns selbst zu verändern. Oder umgekehrt. Wir fühlten uns rauschhaft und vom eigenen Schwung beglückt in Bewegung versetzt. Die ersten Joints wurden geraucht, der Blues wurde elektrifiziert, und es war nie ganz leicht zu sagen, wo das Kino aufhörte und das Leben begann. Oder umgekehrt.
Das war die eine Seite. Auf der anderen gab es die Träume von einer besseren Welt der weißen Supermaschinen, die sogar den Krieg in eine futuristische Installation verwandeln würden. Man lebte in zwei Zukunftsvisionen gleichzeitig, in einer Idee der moralischen und in einer anderen der technischen Verbesserung der Welt. Natürlich gab es nichts Widersprüchlicheres als das Verhältnis der moralischen und der technischen Intelligenz zueinander, aber 1968 befanden sie sich noch in wechselseitigen Diskursen, die unter anderem auch dies hervorbrachten: seltsame Bilder.
In jenem Jahr gab es einen Film zu sehen, der uns staunen machte. Er hieß "2001", stammte von einem Cinemanen namens Stanley Kubrick und versprach im Untertitel eine "Space Odyssee". Er nahm unsere Bewegung auf und führte sie in den Kosmos weiter, er träumte die ganze Menschheitsgeschichte, von den ersten Menschen in die damals noch entfernte Zukunft. Ein technischer und ein moralischer Traum, ein Drogentrip und eine Art, in Bildern statt in Worten zu philosophieren.
Die Odyssee im Weltraum beginnt mit der Urhorde der Menschen.
Was für ein höllisch violetter Himmel über ihnen!
Sie stoßen auf eine graphitgraue, flächige Säule, die sie mit einem Schlag zu richtigen Menschen macht. Sie entdecken Knochen als Waffe, mit der man Tiere und Konkurrenten totschlagen kann. Triumphal wirft einer der Urmenschen seine Knochenkeule in die Luft, und da verwandelt sie sich vor unseren Augen in ein Raumschiff. Vier Millionen Jahre sind in einem Bild vergangen, das ist vermutlich der Zeitsprungrekord der Filmgeschichte. Das Schiff befindet sich auf dem Weg zum Mond, wo ein unidentifiziertes Objekt gesichtet wird, ein Monolith derselben Art wie in der Eingangsszene. Da das Ding Funksignale in Richtung Jupiter sendet, wird ein weiteres Raumschiff zum fernen Planeten ausgesandt. Es beginnt eine Reise weit hinaus über die bewohnte Welt und tief hinein in die Seele im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit.
In "2001" konnten wir sehen, hören, spüren, was es heißen mochte, im Weltraum zu sein. So sahen wir einen einsamen Menschen seine Runden in diesem Schiff drehen; in einer der wahnsinnigsten Kamerabewegungen, die es bis dahin zu bestaunen gab, zeigt uns Kubrick, daß es nun kein oben und kein unten, keine eindeutige Bewegung mehr geben wird. Der Astronaut läuft gegen die Drehung seines Raumschiffes, wir können nicht anders als an das Bild einer Maus im Laufrad denken. Zur gleichen Zeit ist dieses Bild von gewaltiger Schönheit, grausam und schön wie viele Bilder in diesem Film in Cinerama, Panavision und Metrocolor und von 140 Minuten Länge. Bilder, wie wir sie vorher noch nie gesehen hatten.
- Datum 08.04.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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