Es war einmal und ist erst ein Vierteljahrhundert her, daß sich die Menschen leichter als heute in die Guten, die Fortschrittlichen, und die Bösen, die Reaktionäre, scheiden ließen. Ein Lackmustest dafür war eine Frage, die eigentlich gar keine ideologische sein sollte, sondern eine empirische: Meinst du, daß das, was die Intelligenztests messen, der IQ also, erblich ist? Wer ja antwortete, konnte nur ein Reaktionär sein, ein übler Biologist, gar ein Faschist. Die wenigen Professoren, die damals laut ja sagten und dies Ja mit empirischem Material untermauerten, wurden geschmäht, bedroht, geächtet. Wenn es ein Tabu gab: Dies war eins.

Der Pulverdampf von damals hat sich verzogen. Nur noch manchmal kommt es zu Scharmützeln alten Stils, nämlich immer dann, wenn es nicht um individuelle IQ-Unterschiede geht, sondern um die unterschiedlichen Durchschnitts-IQs einzelner Menschengruppen. Sonst herrscht Ruhe an dieser Front. Ist die Sache also entschieden?

Ja, im wesentlichen ist sie es - aber anders, als weite Teile der Öffentlichkeit bis heute meinen, in denen weiterhin der quasi offizielle Egalitätsglauben herrscht, welcher will, daß alle Unterschiede soziale Ursachen haben und durch soziale Veränderungen zu beheben sind.

Unter den zuständigen Wissenschaftlern nimmt sich die Frage viel weniger ungeklärt aus. Schon vor zehn Jahren machten ein Psychologe und ein Politologe, Mark Snyderman und Stanley Rothman, eine aufschlußreiche Doppelaufnahme: Bei 661 amerikanischen Psychologen und Pädagogen erfragten sie die Expertenmeinung zum IQ und seiner Erblichkeit; gleichzeitig eruierten sie die öffentliche Meinung zum gleichen Thema. Während in den Medien alle Erblichkeitsberechnungen überwiegend als zweifelhaft bis unsinnig hingestellt wurden, waren 94 Prozent der Experten überzeugt, daß es massive Beweise für eine beträchtliche Erblichkeit gibt. Was in den Medien immer noch als verdächtige Phantasterei galt - die Experten betrachteten es nahezu unisono als Faktum.

Als dann 1994 die Medien und auch viele Experten über die dubiosen politischen Folgerungen in Herrnstein/Murrays Buch "The Bell Curve" herfielen, setzte der amerikanische Psychologenverband APA einen elfköpfigen Ausschuß unter der Leitung des hochangesehenen Ulric Neisser ein, um zu rekapitulieren, was wissenschaftlich in der IQ-Frage nun eigentlich Sache sei. 1996 lag sein Bericht vor. Der lakonische Schluß stand nicht im Konjunktiv, und er wurde in keinem der 1997 publizierten Kollegenkommentare bestritten: "Über alle normalen Umwelten in den modernen westlichen Gesellschaften hinweg hängt die Variation der Intelligenztestergebnisse zu einem beträchtlichen Teil mit individuellen genetischen Unterschieden zusammen." Der Bericht nennt auch eine Zahl für diesen genetischen Beitrag, jene, auf die seit Anfang der achtziger Jahres alle Kalkulationen hinausgelaufen waren: 0,5.

Was bedeutet sie? Die "Erblichkeit" der quantitativen Genetik ist nicht, was sich die meisten darunter vorstellen. Eine Erblichkeit von 0,5 heißt keineswegs, daß der Mensch die Hälfte seines IQ dem Schicksal der Gene verdankt und die andere Hälfte der Gnade der Umwelt. "Erblichkeit" ist ein statistischer Wert, der sich überhaupt nicht auf das Individuum bezieht, sondern auf die in einer Population gemessenen Unterschiede. Individuell ist beides sozusagen zu hundert Prozent vonnöten, eine genetische Anlage und eine Umwelt, in der sie sich entfalten kann. Eine Erblichkeit von 0,5 besagt vielmehr: Die in der Population X gemessenen Unterschiede beim Merkmal Y (sei es die Körpergröße, die Haarfarbe oder der IQ) gehen zu fünfzig Prozent auf unterschiedliche Gene zurück; die andere Hälfte beruht auf nichtgenetischen Faktoren, vom Milieu im Mutterleib bis zum Lebensstandard, die unter dem Allerweltswort Umwelt zusammengefaßt werden.

Die Erblichkeit ist also keine Naturkonstante, der man durch genauere Messungen immer näher käme. Sie ist ein empirischer Wert, der für jede untersuchte Gruppe anders ausfallen könnte, tatsächlich aber in einem recht engen Bereich zu liegen scheint.